DIE HÖHLE UNTER DEM BERG
1937. Die Grenzen werden dichter. Ich zähle die Menschen davor.
Strasbourg, 17. Juni 2026. Das Europäische Parlament stimmt mit 418 zu 218. Ich sitze auf der Tribüne. Neben mir eine Frau aus Maribor, deren Hände zittern, weil sie für eine Zeitung arbeitet und weiß, was die Worte bedeuten, die gleich fallen werden.
„Mit dem Migrationspakt haben wir die Vordertür gesichert", sagt Malik Azmani, niederländischer MEP, Berichterstatter für die Rückführungsverordnung. „Heute sichern wir die Hintertür."
Ich schreibe den Satz auf. Ich streiche ihn durch. Ich schreibe ihn noch einmal. Das ist die Sprache, in der man heute über Menschen spricht: Vordertür, Hintertür. Wie über ein Haus, das man verrammelt. Wie über Ware, die man retourniert.
Magnus Brunner, EU-Kommissar für Migration, sagt: „Diese Verordnung sagt allen, dass wir es sind und nicht die Schlepper, die entscheiden, wer in der Europäischen Union bleiben kann und wer gehen muss."
Ich höre den Beifall von rechts. Patriots for Europe. Europäische Konservative und Reformisten. Ich höre die Rufe von links: „Schämt euch." Ich höre nichts von den 178.000 Menschen, die 2025 an einer Grenze dieses Kontinents standen — 26 Prozent weniger als im Vorjahr, sagt Frontex. Weniger Menschen. Mehr Gesetze. Mehr Stacheldraht.
Die Verordnung ist kein Zufall. Sie ist das fehlende Teil. Das EU-Paket zu Migration und Asyl, im Juni in Kraft getreten, war die Vordertür. Die Rückführungsverordnung, heute beschlossen, ist die Hintertür. Und am Ende — das ist neu — sollen beide in Lager führen, die außerhalb der Union liegen. „Return Hubs." Abschiebezentren in Drittstaaten. Dänemark, Österreich, Griechenland prüfen das. Früher eine Idee vom Rand. Heute das Herzstück der europäischen Migrationspolitik.
28 Prozent. So viele abgelehnte Asylbewerber haben die EU 2025 tatsächlich verlassen. 28 Prozent. Der höchste Wert in zehn Jahren. Der Punkt ist nicht die Zahl. Der Punkt ist: Wer nicht geht, soll gehen. Und wenn er nicht geht, wird er gehalten. Haft zur Verhinderung der Flucht. Kooperationspflicht. Verschärfte Regeln für „Sicherheitsrisiken" — wobei das ein Wort ist, das in jedem Land anders klingt, aber immer dasselbe meint.
Ich denke an Pave Zivkovic. Mitte sechzig, Mechaniker aus Kroatien. Sieben Jahre lang hat er in einer geheimen Luftwaffenbasis gearbeitet, gegraben in den Bauch des Pljesevica-Berges, auf der Grenze zwischen Kroatien und Bosnien und Herzegowina. Vier Tunnel, acht Meter hoch, zwanzig Meter breit. Platz für 58 Kampfjets, die in einer Minute startklar sein mussten. Željava. Das beste Flugfeld Jugoslawiens.
1992 hat die Jugoslawische Volksarmee die Anlage gesprengt. Dynamit in den Tunneln, damit weder Kroatien noch Bosnien sie nutzen konnten. Zivkovic ging hin, 1995, nach der Operation Sturm. Er sah, was übrig war. Er ging wieder.
Heute, dreißig Jahre später, denkt Kroatien laut darüber nach, ob aus den Trümmern ein Gefängnis werden soll. Ein Detention and Processing Centre. Im Bauch des Berges. Zur Alarmierung von Menschenrechtsgruppen und Anwohnern. Unter dem neuen EU-Pakt.
Ich frage mich, ob Zivkovic weiß, dass sein Arbeitsplatz zurückkommen könnte. Als Haftzentrum. Für Menschen, die kein Visum haben, kein Glück, keinen Anwalt, der in Straßburg auf der Tribüne sitzt.
Eine Million Asylanträge, 2023. Eine Million, 2024. Es werden weniger, sagen die Zahlen. Es werden mehr, sagen die Gesetze. Mehr Zäune, mehr Verfahren, mehr Drittstaaten, die sich bezahlen lassen für die Lagerung von Menschen, die Europa nicht haben will.
Die Frau neben mir hat einen Block vollgeschrieben. Ein einziges Wort, immer wieder: „Warum."
Ich gehe nach Hause. Der kleine Koffer steht schon unter dem Schreibtisch. Nicht weil ich gehe. Sondern weil ich weiß, dass die Höhle unter dem Berg ein Modell ist. Željava. Pljesevica. Kroatien, Bosnien, eine Grenze, die ich kenne. Irgendwo an einer Grenze, die ich noch nicht kenne, wird in diesem Moment ein Tunnel ausgehoben. Für 58 Menschen. Für 5.800. Für eine Zahl, die noch nicht geschrieben steht.
Die Vordertür ist zu. Die Hintertür ist zu. Es gibt keine Tür mehr. Es gibt nur noch einen Berg, in dem man verschwindet.