Buchstaben, die nach Toren riechen
Es gibt eine Stelle in Ramanattukara, einem Ort im Bezirk Kozhikode im Malabar, die auf keiner Weltkarte verzeichnet ist und die doch in diesen Tagen mehr über die Zukunft verrät als so mancher Ort, der sich für die Zukunft hält. Sechs Menschen sitzen dort, im Kinfra Technopark, und entwerfen Schriftzeichen für ein Spiel, das gerade die halbe Welt in Bewegung setzt. Der Name der Firma lautet Fontspell, der Gründer heißt Pranav K., und er sagt, ohne zu zögern, dass er Argentinien anhänge. Eine kleine Bemerkung, gewiss. Aber wer je gesehen hat, wie sich Begeisterung in Linien verwandelt, versteht, dass solche Bemerkungen alles andere als klein sind.
Pranav K. hat ein Paket aus vier Fonts auf den Markt gebracht: FSL Malabar, FSL Newton, FSL Biryani, FSL Mugham. Zusammen kosten sie 700 Rupien. Wer nun wissen will, was das in einer Welt bedeutet, in der von großen Summen die Rede ist, halte inne. Fontspell verlangt nicht den Eintrittspreis eines Endspiels, nicht den Preis einer Übertragungsminute, nicht einmal den Preis eines schlecht gesetzten Plakats. Fontspell verlangt 700 Rupien. Das ist, mit Verlaub, die ehrlichste Rechnung, die derzeit im Umfeld dieses Weltpokals existiert — und, nebenbei, die einzige, die in keinem Protokoll auftaucht.
Die sechs Buchstabenbauer — sechs, eine Zahl, die in der Fußballwelt seit jeher eine besondere Rolle spielt — haben sich Zeit gelassen. Manche der Entwürfe brauchten sechs Monate. Sechs Monate für eine Schrift, eine Jahreszeit für eine Linie. Wer je in einem Ministerium gearbeitet hat, weiß, dass dies eine geradezu unanständige Sorgfalt ist. Die Lettern sind eine Mischung aus geschwungenen, eckigen und runden Formen, sie sollen die Verspieltheit des Spiels einfangen, und sie sollen, so Pranav, vor allem bei der Generation Z verfangen, die den größten Teil ihrer Zeit online verbringt. Eine ehrliche Diagnose. Wer die Aufmerksamkeit von morgen will, muss dort schreiben, wo morgen gelesen wird. Die Schriften, heißt es, funktionieren gleichermaßen auf Social Media wie auf den großen Plakatwänden des Landes.
Inspiration, sagt Pranav, komme aus dem Leben. Ein bestimmtes malayalamisches Ma, gefunden in einer Wahlplakat-Graffiti, sei der Funke gewesen für das Ma in FSL Malabar Rush. Ein anderer Font, Uyare, lasse sich in Länge und Höhe beliebig anpassen, ohne schief zu wirken — eine Tugend, die in der Typografie ebenso selten ist wie in der Politik. Pranav sagt auch, man solle sich Fonts wie Körper vorstellen. Sie trügen Gefühle. Jeder Font habe seine eigene Anatomie. Man arbeite beständig an der kreativen, der funktionalen und der ästhetischen Wirkung. Das ist, mit Verlaub, die präziseste Definition von Macht, die einem in dieser ganzen Saison untergekommen ist. Nicht die Macht der Stadien, nicht die Macht der Verbände — die Macht der Anatomie eines Zeichens.
Dass ein weiterer Font, FSL Mugham, vom mridangam inspiriert wurde, dem klassischen Trommelinstrument Südindiens, sei nicht als folkloristische Verzierung verstanden, sondern als das, was es ist: eine kulturelle Gegenschrift. Während das Spiel derzeit in Symbolen zelebriert wird, die sich an Stadiontoren und Großflächen messen lassen, schreibt eine sechsköpfige Firma aus Ramanattukara das Spiel in den Linien einer Trommel fort. Eine Trommel, wohlgemerkt, deren Schlag schon lange vor jedem Anpfiff zu hören war und noch lange nach dem Abpfiff weiterklingt. Dass die Fonts überdies für andere Themen adaptiert werden können, versteht sich beinahe von selbst.
Wer Fontspell genauer betrachtet, entdeckt zudem eine Vorgeschichte, die das aktuelle Unterfangen in ein noch deutlicheres Licht rückt. Die Firma hat die Handschrift des Schauspielers Mohanlal in einen Font verwandelt. Sie hat spezialisierte Schriften für Wahlplakate entworfen. Sie hat, mit anderen Worten, längst verstanden, was anderswo oft übersehen wird: dass Schrift die kleinste, aber auch die zäheste Währung der Öffentlichkeit ist. Wer einen Buchstaben prägt, prägt ein Gesicht. Wer einen Font setzt, setzt eine Gewohnheit. Wer eine Schrift über die Plakatwand einer Kleinstadt trägt, schreibt in das Gedächtnis einer Generation.
Pranav K. sitzt in Kozhikode, er trägt beim Arbeiten keine Handschuhe — aber er schreibt welche. Und am Ende, so darf man vermuten, gewinnt nicht der lauteste Verband, sondern der sauberste Buchstabe.