VERLAUTBARUNG AN DIE UNSICHTBAREN: KASCHMIRS POLIZEI JAGT GEISTER VON 1996
Srinagar, 12. Juni 2026. Die Drähte summen, und diesmal tragen sie eine Nachricht aus dem Tal, das seit Jahrzehnten zwischen den Frequenzen der Welt hängt. Die Sondereinheit Counter Intelligence Kashmir — CIK, lassen Sie sich den Namen auf der Zunge zergehen, das ist kein Kasernenhof-Deutsch, das ist ein Aktenzeichen mit Zähnen — hat am Freitag Proklamationsbefehle eines Sondergerichts zugestellt. Gegen vier Männer. Angeführter: Syed Salahuddin, Chef des United Jihad Council, und Ghulam Nabi Khan, Kommandeur der Hizbul Mujahideen, genannt Amir Khan. Dazu: Sher Mohammad, drei Namen so schwer wie Granit — Bahadur, Riaz, aus Bandipora. Und Nasir Yousuf Qadri aus Srinagar.
Was ist eine Proklamation? Keine Verhaftung. Kein Urteil. Etwas Drittes: eine förmliche Aufforderung des Gerichts an den Angeklagten, sich zu zeigen. Wer nicht kommt, wer sich weiter entzieht, dem wachsen die Konsequenzen zu — Beschlagnahmung, Anheftung von Vermögen, am Ende womöglich Prozess in absentia. In Indien steht das in Section 84 des Bharatiya Nagarik Suraksha Sanhita, kurz BNSS. Das ist die neue Strafprozessordnung, Nachfolgerin der CrPC, 2023 in Kraft, mit schärferen Zähnen. Der zuständige Richter: ein Additional Sessions Judge, TADA/POTA-Spezial, zusätzlich designiert unter dem NIA-Gesetz. Die Akte: registriert bei der Polizeistation CIK, datiert zurück auf 1996.
Dreißig Jahre. Schreiben Sie das einmal hin und schauen Sie es an. Ein Fall von 1996, Proklamation 2026. Drei Jahrzehnte Aktenstaub. Drei Jahrzehnte, in denen diese Namen durch die Schatten des Kaschmir-Tals geisterten, geschützt von Geographie, Politik, manchmal auch von Sympathisanten. Nun hat das Gericht einen Termin gesetzt: 14. Juli 2026, zehn Uhr morgens. Erscheinen oder…
Die CIK-Leute haben die Proklamationsbefehle nicht nur zugestellt — sie haben sie angeschlagen. An den Wohnungen der Beschuldigten, an den Haupttoren. Fotografiert, gefilmt. „In Übereinstimmung mit den rechtlichen Verfahren", sagt das Polizeikommuniqué. Man darf das übersetzen: in Übereinstimmung mit dem, was die Behörde als Verfahren definiert. Wer in Srinagar einen Zettel an sein eigenes Tor geklebt bekommt, auf dem sein Name als Flüchtiger steht, der hat fortan einen neuen Nachbarn — die Öffentlichkeit.
Hier, geneigter Leser, wird die Technik interessant. Nicht die Technik des Funkgeräts, nicht die des Radars. Die Technik der Sichtbarmachung. Ein Staat, der seinen Feind nicht greifen kann, klebt ihn an die Wand. In einer Zeit, in der jeder Constable ein Smartphone mit Kamera trägt, ist die Proklamation ein alter Rechtsbegriff in neuem Gewand: öffentliche Bloßstellung als Hebel. Die Beweissicherung — Video, Foto — ist nicht in erster Linie für das Gericht. Sie ist für die Straße, für die Nachbarschaft, für die Gruppenchats, in denen das Bild noch am selben Abend kursiert.
Die Frage, die ich stelle, ist nicht neu. Wer kontrolliert das? Die CIK, eine Spezialeinheit mit weitreichenden Befugnissen, die nicht jedem Revierpolizisten zustehen. Wer profitiert? Die Staatsanwaltschaft, die mit einer Akte von 1996 endlich einen Abschluss will. Wer zahlt den Preis? Die Beschuldigten, die nun zwischen Erscheinen und Untertauchen wählen müssen. Und die Familien, die das nächste halbe Jahr mit einem Zettel an der Tür leben.
Salahuddin, das muss man einordnen, ist kein Unbekannter. Chef des United Jihad Council, einer Dachorganisation bewaffneter Gruppen, einst von den Vereinigten Staaten als globaler Terrorist eingestuft, von Indien über Jahre mit NIA-Anklagen verfolgt. Dass sein Name jetzt auf einer Proklamation steht, ist keine Premiere — es ist das wiederholte Bemühen eines Staates, der an einen Mann heranzukommen versucht, der selten in Reichweite ist. Ghulam Nabi Khan, sein Mitangeklagter, Kommandeur der Hizbul Mujahideen: dasselbe Muster, andere Schicht. Sher Mohammad und Nasir Yousuf Qadri, die zwei Namen ohne Schlagzeile — man vergisst sie leicht, aber das Gericht tut es nicht.
Vier Namen, eine Akte, ein Datum. 14. Juli, zehn Uhr. Danach — was dann? Fristen laufen ab, Vermögen wird eingefroren, Anwesen verfallen. Das ist das alte Spiel, das Spiel der Proklamation, das Indien aus der britischen Kolonialzeit geerbt hat. Es geht nicht um Gerechtigkeit im schnellen Sinn. Es geht um Ermüdung, um die stille Hoffnung, dass der Feind irgendwann mürbe wird.
Ich sitze an meinem Tisch, der Lötkolben glüht, der Kaffee ist kalt. Irgendwo in Srinagar werden gerade Zettel an Tore geklebt. Irgendwo in einem Dorf weiß eine Familie, was das bedeutet. 1937 hätte ich in einer Suppenküche gesessen und Depeschen getippt. 2026 schreibe ich über Proklamationen, die in britischer Manier gegen Männer verhängt werden, die in einem Tal leben, das niemals zur Ruhe kam. Manche Drähte summen, seit ich denken kann. Ich höre weiter zu.