Das Jo-Jo und sein Mythos: Was die neue Studie über den Stoffwechsel wirklich sagt
Die Waage ist ein gnadenloser Richter. Jede Bewegung, jedes Gramm, jeder Blick morgens nach dem Aufstehen, barfuß auf dem kalten Linoleum. Wer einmal abgenommen hat und dann wieder zunimmt, kennt das Urteil: „Du hast dir deinen Stoffwechsel ruiniert." So steht es in den Illustrierten, so flüstert es die Nachbarin, so glaubt es der Hausarzt zwischen Tür und Angel. Eine neue Studie zweier deutscher Forscher sagt nun: Das ist, mit Verlaub, Quatsch mit Soße.
Faidon Magkos aus Mainz und Norbert Stefan aus Düsseldorf haben sich hingesetzt und das getan, was die Wissenschaft eigentlich immer tun sollte, aber selten tut. Sie haben nicht eine einzelne These bewiesen, sondern die gesamte weltweite Datenlage zum Jo-Jo-Effekt zusammengetragen und durchgeschüttelt. Klinische Daten von tausenden Patienten, Erkenntnisse aus Tierstudien, dazu der Sachverstand des Stoffwechselforschers Tim Hollstein, der als Oberarzt am Universitätsklinikum Schleswig-Holstein in Kiel arbeitet. Das Ergebnis liest sich wie eine Ohrfeige für die Diätindustrie.
Kein Beleg, sagen die Herren, für einen ursächlichen Zusammenhang zwischen dem ständigen Auf und Ab und einer klinischen oder metabolischen Schädigung beim Menschen mit Adipositas. Weder schwindet die Muskelmasse überproportional, noch lagert sich nach einer Diät zwangsläufig mehr Fett ein als zuvor. Auch der Ruheenergieverbrauch, jene Kalorienmenge, die der Körper im Liegen verbrennt, jener Wert also, den so mancher Onlineshop als persönliche Schicksalszahl verkauft, bleibt langfristig stabil. Er passt sich der neuen Körperzusammensetzung an, ganz natürlich, wie sich ein Mantel dem Wetter anpasst.
Das klingt beruhigend. Und genau hier beginnt meine Pfeife zu glühen.
Denn wer hat das bezahlt, frage ich mich als alter Hase zuerst. Die Universität, hoffentlich. Wer hat widersprochen? In der Pressemitteilung: niemand. Was wurde nicht gemessen? Die Psyche der Patienten, der Jo-Jo-Effekt der Seele, jenes Phänomen, dass eine gescheiterte Diät mehr Schaden anrichtet als jeder zusätzliche Pfund. Die Studie misst Körper, nicht Köpfe.
Doch nehmen wir die Fakten, wie sie sind. Sie sind solide. Und sie sagen etwas durchaus Nützliches: Ein gescheiterter Abnehmversuch hinterlässt keinen „kaputten Stoffwechsel". Wer zehn Kilo verliert und sieben wieder zunimmt, hat trotzdem sieben Kilo weniger Fett, weniger Belastung für die Gelenke, bessere Blutzucker- und Blutdruckwerte. Die Vorteile jeder noch so vorübergehenden Gewichtsabnahme überwiegen die theoretischen Risiken des Jo-Jo-Effekts, so die Autoren, bei weitem.
Warum aber nehmen wir wieder zu, wenn die Diät doch so wirkt? Magkos und Stefan geben eine Antwort, die so alt ist wie die Menschheit selbst. Es ist ein Überlebensprogramm. Ein leichterer Körper braucht weniger Energie für den Alltag, der Grundbedarf sinkt. Der Organismus reagiert mit einer „klugen Gegenwehr" — ich liebe diesen Euphemismus, er klingt wie ein General, der eine Festung verteidigt. Was er verteidigt, ist das Fett. Was er bekämpft, ist der Hungernde.
Die Ironie dieser Studie liegt in ihrer Botschaft. Sie will den Menschen die Angst vor dem Jo-Jo nehmen, damit sie überhaupt erst abnehmen. Probiert es, flüstert sie. Das Ergebnis ist zweifelhaft, der Versuch zählt. Ein nettes Argument. Es klingt nach dem Pfarrer, der zum Sünder sagt: Es ist nicht schlimm, dass du sündigst, nur sündige nicht zu oft.
Dreißig Jahre Labor, und ich habe eine Regel gelernt. Was die Wissenschaft entdeckt, wird von der Industrie vereinnahmt, von der Politik missbraucht, von der Boulevardpresse verzerrt. Die nächste Schlagzeile steht schon in den Startlöchern. Ich sehe die Anzeigen vor mir, das Art-Deco-Design mit der lächelnden Dame und dem Pfeil auf die schmalere Taille.
Dabei ist die eigentliche Frage gar nicht, ob der Jo-Jo-Effekt existiert. Er existiert. Die Waage beweist es täglich. Die Frage ist, ob wir bereit sind, die Bedingungen zu ändern, die ihn erzeugen: das Überangebot, die Bewegungslosigkeit, die ständige Verfügbarkeit von Zucker und Fett in jeder Straße, in jedem Bahnhof, in jeder Hand. Eine Pille, eine Diät, eine Studie wird das nicht richten.
Vielleicht, sagt die Stimme meiner Pfeife, ist die Entwarnung der Forscher gar keine Einladung zur Diät, sondern eine Erlaubnis, sich selbst nicht mehr als Maschine zu begreifen, deren Stoffwechsel man reparieren muss wie einen defekten Motor. Vielleicht ist es schon ein Fortschritt, wenn wir aufhören, den Körper für das Versagen der Gesellschaft zu bestrafen.
Glauben wir am Ende der Studie — oder dem, was wir morgens im Spiegel sehen?