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Bardella und die Anatomie der Annäherung

21. Juni 2026 — — — Kastner

Er lächelt. Er lächelt immer. Das ist seine Waffe und seine Rüstung zugleich.

Jordan Bardella, dreißig Jahre alt, aufgewachsen in einer Wohnsiedlung am Rande von Saint-Denis, Sohn einer alleinerziehenden Mutter, hat sich in den vergangenen Wochen in eine Übung begeben, die in den Archiven der Macht seit jeher unter dem unscheinbaren Titel „diplomatische Rundreise" verzeichnet ist. Zuerst Lissabon, dann Rom, dann Brüssel. Das Dreieck, gezeichnet mit der Hand des Mannes, der 2027 gern das Élysée beziehen möchte — sofern die Justiz und die inneren Kader seiner eigenen Partei ihm die Gnade gewähren.

In Brüssel, vor dem flämischen Parlament, sprach er am 11. Juni jene Sätze, die in Brüssel immer gesprochen werden, wenn Männer mit Ambitionen vor Männern mit Apparaten stehen: mehr Kooperation, abgestimmte Migrationspolitik, Asylverfahren außerhalb Europas, schnellere Abschiebungen. Man solle, so Bardella, gleichgesinnte Parteien bündeln, um die Entscheidungsfindung der Europäischen Union umzugestalten. Das Wort „umzugestalten" ist ihm wichtig. Es klingt nach Werkstatt und nicht nach Brandstiftung, und Werkstätten darf man betreten, ohne den Feueralarm auszulösen.

Draußen protestierten mehrere Hundert Menschen. Sie warfen seiner Bewegung vor, Gleichheit und demokratische Freiheiten zu untergraben. Bardella sprach weiter. Das gehört zum Handwerk.

Was mich, die ich in Genf Verträge gelesen habe, die nie eingehalten wurden, an dieser Etappe beunruhigt, ist nicht die Rede selbst. Es ist die Architektur der Reise. Lissabon, Rom, Brüssel — überall dieselbe Choreografie: ein junger Mann, ein Mikrofon, eine freundliche Schwesterpartei, ein paar Kameras. Die Vlaams Belang, ein Jahrzehnt Verbündete, empfängt ihn wie einen älteren Bruder, der endlich zu Besuch kommt. Man tauscht Erklärungen aus, die Erklärungen gleichen einander, die Überschriften gleichen einander, und am Ende glaubt jeder, er habe Geschichte geschrieben.

Dann, am selben Wochenende, ein anderes Bild. Monte Carlo. Die Tribüne am Hafen, Champagner in der Luft, Kim Kardashian, Catherine Zeta-Jones, Prinzessin Charlène. Und mittendrin, Selfie an Selfie, Geflüster am Ohr, ein gemeinsames Kichern — Jordan Bardella und Prinzessin Maria Carolina von Bourbon-Sizilien, zweiundzwanzig Jahre alt, italienische Erbin eines nicht mehr bestehenden Thrones, Schwester der einundzwanzigjährigen Maria Chiara, Tochter des Herzogs von Castro und seiner Frau Camilla, dieser Matriarchin zweier sozialer Schwestern im Glanze alter Namen.

Die Bilder gehen um die Welt. Links nennt ihn einen angehenden Jetsetter. Im eigenen Lager, so berichten Pariser Medien, fürchtet man um das Markenrecht. Man hat den Jungen aus der Vorstadt, das Kind der Cité, den Enkel der Erschöpften als Bannerträger einer Bewegung aufgestellt, die sich anti-elitär nennt — und nun steht er am Rand des Formel-1-Parcours mit einer Tochter aus dem Hause Bourbon, deren Familie Dynastien beerbt, die älter sind als die französische Republik.

Es ist, man muss es so nennen, eine brillante Inszenierung. Und es ist, man muss es ebenso nennen, ihr exaktes Gegenteil.

Brüssel ist die Bühne der Programme. Monte Carlo ist die Bühne der Seele. Beide zusammen ergeben das Porträt eines Mannes, der gelernt hat, dass die Macht im einundzwanzigsten Jahrhundert nicht mehr durch Ideologie gewonnen wird, sondern durch die gekonnte Verteilung von Bildern. Ein Bild im Parlament, das die Partei beruhigt. Ein Bild in Monaco, das die Illustrierten füllt. Ein Bild in der Siedlung, das die Mutter beruhigt. Man muss nicht mehr lügen, wenn man überall zugleich sein kann.

Die Sätze, die er in Brüssel sagte, waren übrigens nicht falsch. Sie waren nur alt. Asylverfahren außerhalb Europas, schnellere Abschiebungen — das steht seit Jahren in Papieren, die zwischen den europäischen Hauptstädten kursieren. Dass er sie nun, im Juni 2026, vor einem flämischen Publikum wiederholt, das seit einem Jahrzehnt auf ihn wartet, bedeutet weniger inhaltlich als taktil: Es bedeutet Annäherung. Es bedeutet Koalition. Es bedeutet, dass die Rechtsaußen-Parteien dieses Kontinents, die sich so gern als vereinzelte Patrioten gerieren, anfangen, sich wie das zu benehmen, was sie längst sind — eine Familie.

Und in Familien werden keine Verträge unterschrieben. Man gibt sich die Hand. Man umarmt sich vor Kameras. Man lächelt. Man lächelt immer.

Die Handschuhe habe ich noch nicht ausgezogen. Die Manuskripte liegen auf dem Tisch. Irgendwo zwischen Saint-Denis und Brüssel schreibt ein dreißigjähriger Mann die Geschichte, die er erzählen will, und ich, am anderen Ende des Tintenfasses, schreibe die, die er nicht erzählen wird.

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