104 Stimmen, und niemand verbeugt sich
Es gibt Niederlagen, die tragen Frack, und es gibt Niederlagen, die tragen den Mantel der Höflichkeit. Die deutsche war von der zweiten Sorte. Man stand am Rande des Saals in New York, die Delegation ordentlich gereiht, die Kameras geduldig, und wartete auf den Applaus, der nicht kam. 104 Stimmen. Nicht genug. Portugal bekam 134, Österreich 131, und die Bundesrepublik — viertgrößter Geldgeber der Vereinten Nationen, zweitgrößter Zahler des gesamten Systems — durfte nach Hause gehen wie ein Gast, der die Rechnung bringt und nicht vorgelassen wird.
Ich habe in Genf Verträge gesehen, die nie eingehalten wurden. Ich habe Männern in die Augen geschaut, die lächelten, während sie logen. Und ich sage Ihnen: Die höflichste Form der Demütigung ist die, bei der man dir die Tür aufhält, während man dich gleichzeitig vor aller Welt übersieht. So funktioniert Macht. Man gibt dir ein Podium, ein Mikrofon, ein Stimmrecht — und dann zählt man leise weiter, und du bist nicht in der Mehrheit.
Die Zahlen, die jetzt durch die Zeitungen wandern, lesen sich wie die Bilanz eines Bankhauses, das seinen eigenen Aktionären misstraut. Von 2025 bis 2027 überweist die Bundesrepublik etwa 1,6 Milliarden Dollar Pflichtbeiträge nach New York. Österreich zahlt 220 Millionen. Portugal bis zu 120 Millionen. Hinzu kamen 2024 weitere 4,6 Milliarden Dollar an freiwilligen Leistungen für Projekte und Instrumente der UN. Nur die Vereinigten Staaten zahlen mehr. Es ist ein Ozean aus Geld, der in einen Brunnen geschüttet wird, der sich weigert, den Wasserstand zu melden.
Manfred Pentz, Minister für Internationales in der Regierung des hessischen Ministerpräsidenten Boris Rhein, hat die Frage gestellt, die in den Fluren des Auswärtigen Amtes längst geflüstert wird, aber selten über die Lippen kommt: Warum sollen wir weiterhin so viel in die Vereinten Nationen investieren, wenn der Einfluss, der uns zustehen würde, ausbleibt? Eine kluge Frage. Eine gefährliche Frage. Eine Frage, auf die sein Parteifreund Friedrich Merz keine Antwort gab. Und auf die Außenminister Johann Wadephul — dieser Name, der klingt wie ein Möbelstück aus dunkler Eiche, nach dem man im Katalog lange sucht — ebenfalls nicht antwortete, sondern eilfertig erklärte, selbstverständlich werde weitergezahlt. Jeder Diskussion den Boden entzogen. So macht man das. Man zahlt, man schweigt, man hofft auf das nächste Mal.
Aber es gibt ein nächstes Mal nicht ohne die, die nicht mehr mitstimmen wollten. Es waren die Afrikaner. Es war Russland, das die Ukraine-Frage als Hammer benutzte. Es waren die Gegner Israels, die vermutlich ebenfalls keinen Grund sahen, der Bundesrepublik einen Gefallen zu tun. Und es war — und hier beginnt das Kapitel, das in den deutschen Medien am eifrigsten übersprungen wird — Annalena Baerbock. Die grüne Außenministerin, deren feministische Außenpolitik durch den Kontinent reiste wie ein Missionar, der das Evangelium der sanitären Anlagen brachte. Botswanas Altpräsident Mokgweetsi Masisi sprach es offen aus, in einem Interview, das in kaum einer Berliner Redaktion wirklich gewürdigt wurde: Sie habe versucht, Nigerianern vorzuschreiben, wo sie ihre Toiletten zu bauen haben, und den Afrikanern zu sagen, wie sie mit Elefanten umzugehen haben. Protestschreiben der Staatschefs von Botswana, Angola und Namibia — monatelang ignoriert von der Regierung unter Olaf Scholz. Die Afrikaner schickten Briefe, die Deutschen schickten Geld. Die Briefe blieben liegen, das Geld floss weiter.
Nun tritt Agnieszka Brugger, grüne Verteidigungsexpertin, vor und behauptet, die Niederlage sei auf das Konto von Kanzler Merz und Außenminister Wadephul zu buchen. Eine atemberaubende Verdrehung. Man reist drei Jahre lang durch ein Land, sammelt Antipathie wie andere Menschen Briefmarken, und wenn die Quittung kommt, schiebt man sie dem Nachfolger zu. Das ist keine Analyse. Das ist das, was in den Protokollen der Macht als Umlagerung der Verantwortung verzeichnet wird.
Masisi hat gesagt, was jeder Diplomat weiß, der je einen Fuß auf afrikanischen Boden gesetzt hat: Bei weniger Anti-Diplomatie hätte Deutschland mehr Stimmen aus Afrika erhalten. Wadephul hat daraufhin angekündigt, künftig häufiger nach Afrika zu reisen. Häufiger. Eine schöne Vokabel. Sie klingt nach Bewegung, meint aber oft nur, dass man das Flugzeug wechselt, nicht die Haltung.
Was bleibt, ist das Bild, das ich aus Genf kenne. Die Bühne ist erleuchtet. Die Kameras laufen. Irgendwo im Hintergrund wird eine Liste verlesen — Zahlen, Aggregatzustände des Geldes. Und während alle auf die Bühne starren, leert sich der Saal. Deutschland steht mit ausgestreckter Hand, 104 Stimmzettel in der Tasche, und der Diener hat das Licht bereits gelöscht. Man kann diese Niederlage als Peinlichkeit abtun, als vorübergehende Schwäche deuten, oder — die beliebteste Variante in Berlin — so tun, als sei nichts geschehen, weiterzahlen, weiterlächeln, weiterreisen. Aber ein Haus, das seine Rechnungen nicht eingelöst bekommt, obwohl es die Rechnungen anderer stets beglichen hat, lernt irgendwann die einzige Lektion, die in der Diplomatie zählt: Dass Großzügigkeit, die nicht eingefordert werden darf, keine Großzügigkeit ist. Sie ist ein Geschenk. Und Geschenke, meine Damen und Herren, werden in der Regel von denen gemacht, die es sich leisten können, vergessen zu werden.