Wohltätigkeit nach Fahrplan — Drei Akte indischer Fürsorge
In Genf habe ich einmal einen Mann beobachtet, der eine Rede über die Heiligkeit des humanitären Völkerrechts hielt, während seine Delegation im selben Moment einen Grenzvertrag zerriss, der seit drei Generationen Bestand hatte. Er lächelte dabei. Er lächelte immer. Ich habe diesen Gesichtsausdruck seither in unzähligen Variationen wiedergesehen — auf Konferenzen, in Ministerien, auf den Podien jener, die Großzügigkeit inszenieren, als wäre sie eine Staatsreligion, deren Hohepriester sie selbst sind.
In diesem Monat also Indien. Andhra Pradesh, um genau zu sein — jene lange Küste, an der das Land sich streckt wie ein müder Schwimmer nach dem Ufer. Drei kleine Meldungen, drei Akte eines Rituals, das man als moderne Wohltätigkeitsarchitektur bezeichnen könnte, wenn man die Ironie liebt, oder als PR-Handwerk, wenn man ehrlich ist.
Der erste Akt: Guntur, Stadtteil Brodipet, Hausnummer 2/1, das Gebäude des Service Health Organisation. Am vierzehnten Juni, einem Sonntag, öffnet man die Türen von acht bis elf Uhr morgens — drei Stunden, exakt kalkuliert, ein Zeitfenster, das ebenso großzügig wie unerschwinglich knapp ist. Der orthopädische Chirurg P. Seetharama Prasad wird kostenlos konsultieren. Knochen, Gelenke, Rücken, Nacken, Knie, das Skelett der Armen und Alten, die sonst in die Röhren der staatlichen Krankenhäuser pilgern, wo Wartezeiten von sechs Monaten als normal gelten. Rheumatische Arthritis, Osteoarthritis, Osteoporose, Vitamin-D-Mangel, Gicht, Harnsäureleiden, Gelenkersatz — das vollständige Register des Verschleißes wird aufgelegt. Ein Vortrag geht voraus, eine „awareness session", wie man es nennt, und ich höre darin das Echo jener Genfer Konferenzsäle, in denen man den kleinen Delegationen erklärte, was ihre Rechte waren, während man ihnen zugleich die Mittel vorenthielt, sie einzufordern.
T. Seva Kumar, Gründer des SHO, und Pavuluri Ramesh, Präsident von Manavata, haben die Erklärung gemeinsam unterzeichnet. Manavata — das heißt „Menschlichkeit" auf Sanskrit. Ein schöner Name, einer jener Namen, die wie Handschuhe getragen werden, um zu verbergen, was die Hände darunter tun. Der Aufruf geht an die Öffentlichkeit, besonders an Senioren und Menschen mit Gelenkproblemen. Man bittet sie, das Angebot zu nutzen. Man bittet. Immer dieses vorsichtige Bitten, das niemals wie ein Befehl klingt, obwohl das System dahinter sehr wohl befiehlt — nur leiser, auf eine Art, die man Fürsorge nennt.
Der zweite Akt: Visakhapatnam, Madhurawada, vierzehnter Juni, Weltblutspendertag. Die Indian Red Cross Society des Distrikts hat, in Zusammenarbeit mit der Hazrat Muqthiar Ali Foundation, ein Lager aufgeschlagen. Zehn Uhr bis fünfzehn Uhr, fünf Stunden, in denen der Saft des Lebens fließt — oder, genauer gesagt, ein halber Liter pro Arm, etikettiert, gekühlt, verteilt. C. Balasatish, der Vorsitzende, sagt, eine Einheit Blut könne bis zu drei Leben retten. Das ist eine jener Zahlen, die man sich merken soll, weil sie das Gewicht des eigenen Armes verändern. Er dankt den Spendern. Er ruft zu weiterer Beteiligung auf. Drei Leben pro Beutel — man rechnet im Vielfachen, und die Mathematik des Mitgefühls ist eine seltsame Mathematik, weil sie stets vom Spender her gedacht wird, nie vom Empfänger, der vielleicht drei Monate auf einer Station liegt, an Schläuchen, in einer Stadt, deren Namen wir uns nicht merken werden.
Der dritte Akt: Vijayawada, sechzehnter Juni, APSRTC. Die Andhra Pradesh State Road Transport Corporation kündigt an, am einundzwanzigsten Juni, dem Tag der NEET-UG-Nachprüfung, alle Busse kostenlos fahren zu lassen. Express, Ultra Pallevelugu, Pallevelugu, Metro Express, City Ordinary — der gesamte Fuhrpark einer Region wird in den Dienst einer Prüfung gestellt, die schon einmal verschoben werden musste, weil irgendwo jemand das System von innen ausgehöhlt hat. Gadde Nageswara Rao, Executive Director Operations, hat die Anweisung ausgegeben. Hallenticket vorzeigen, einsteigen, fahren. Zusätzliche Busse, Sonderfahrten, Help Desks an den Hauptstationen, Aufsichtspersonal an den Endpunkten, strenge Pünktlichkeit auf dem Land, keine Streichungen. Man habe, so sagt man, alle Zonen, Regionen und Depots instruiert. Es klingt wie ein militärisches Manöver, nur dass die Truppen hier Prüflinge sind und der Feind die Zeit.
Ich höre den Bleistift eines Funktionärs über das Papier kratzen und sehe zugleich einen anderen Bleistift, in einem anderen Büro, der eine andere Liste sortiert — wer bekommt Brot, wer bekommt keins. Die Mechanik ist dieselbe. Großzügigkeit, dosiert, zeitlich befristet, räumlich begrenzt, an Bedingungen geknüpft, die man als Service verkauft. Drei Stunden Orthopädie. Fünf Stunden Blutspende. Ein Tag kostenloser Busverkehr. Wohltätigkeit als Fahrplan, Barmherzigkeit mit Öffnungszeiten.
Man wird mir vorwerfen, ich sei zynisch. Das bin ich nicht. Ich bin präzise. Es gibt einen Unterschied, und er liegt darin, dass Zyniker die Dinge verachten, während ich sie nur erkenne. Die Männer, die diese Meldungen unterzeichnet haben, glauben vermutlich, was sie tun. Glauben ist das häufigste Symptom der Macht. Sie glauben, dass drei Stunden am Sonntagmorgen die Last eines ganzen Skelettsystems heilen können. Sie glauben, dass eine Blutspendeaktion am Jahrestag die Lücke in den Blutbanken schließt. Sie glauben, dass ein freier Bussitz einen Schüler davor bewahrt, durch ein gescheitertes Examen zu fallen, das schon einmal gescheitert ist, weil jemand das Vertrauen von innen verkauft hat.
Ich trage Handschuhe, auch beim Schreiben. Man sieht das Papier nicht daran, aber es ist da, eine feine Schicht zwischen dem, was ich sage, und dem, was ich meine. Die Handschuhe heißen Höflichkeit, sie heißen Form, sie heißen der Stoff, aus dem die diplomatische Haut gemacht ist. In Guntur sitzt um acht Uhr morgens ein Mann im weißen Kittel und wartet auf Patienten, die in Schuhen kommen werden, die schon bessere Tage gesehen haben. In Madhurawada fließt Blut in einen Beutel, der in einen Kühlschrank gestellt wird, bevor er in eine Stadt gebracht wird, deren Namen wir nicht kennen. In Vijayawada werden zusätzliche Busse bestellt, weil irgendwo ein junger Mensch in einem Prüfungsgebäude sitzen wird und hoffen, dass die Maschinerie funktioniert, die man für ihn zusammengeschraubt hat.
Funktionieren wird sie. Das tun Maschinen meistens. Die Frage ist, was sie zurücklässt, wenn der Tag vorbei ist, wenn die Stühle wieder leer stehen, wenn der Sonntag sich neigt und Brodipet zur Ruhe kommt, wenn der Kühlschrank summt und die Busse wieder kostenpflichtig fahren. Was bleibt, ist die Erinnerung daran, dass man bedacht wurde, für ein paar Stunden, mit einer Großzügigkeit, die aussah wie ein Geschenk und sich anfühlte wie ein Ausweis.
Der Vorhang fällt nie wirklich. Er wird nur für den nächsten Akt hochgezogen, und das Publikum, das gestern noch in Brodipet Schlange stand, steht morgen in Madhurawada, und übermorgen in Vijayawada an einer Bushaltestelle, das Hallenticket in der Hand, in der Hoffnung, dass diesmal die Maschine hält, was die Ankündigung versprochen hat.
Ich trage weiter Handschuhe. Auch beim Schreiben. Besonders beim Schreiben.