Im Schlafsack von Sol Duc, im Teich von Flushing
Es gibt zwei Arten, wie einen die Welt vergisst. Die eine dauert siebenundzwanzig Jahre, die andere fünfzehn Stunden. Beide enden in Parks, beide enden in Stille, und beide werden von Männern in Uniform geborgen, die später sagen, sie seien stolz auf die Ausdauer, die zur Identifizierung geführt habe. Ausdauer, das Wort klingt nach Marathon und nach Gerechtigkeit, gemeint ist die Geduld der Akten, die sich in Regalen stapeln wie Lehmziegel einer längst verlassenen Festung.
Im Juli des Jahres 2000 fand ein Forscher im Sol-Duc-Flusstal des Olympic-Nationalparks, auf der Halbinsel im US-Bundesstaat Washington, ein Zelt. Darin, in einem Schlafsack, lagen Skelettreste. Neben dem Toten lagen seine Habseligkeiten ordentlich aufgereiht, als habe er sie für eine längere Reise gepackt: ein Fernglas, ein Rucksack, eine Umhängetasche, eine Klappsäge, eine Decke, Winterkleidung. Die medizinische Untersuchungsbehörde entschied, der Mann sei zwischen dreißig und fünfzig Jahre alt gewesen. Fingerabdrücke jedoch waren keine zu gewinnen; das Kriminallabor der Washington State Patrol zermahlte die Beweise und fand nichts Verwertbares. Der Fall wanderte in jene Schubladen, die in Polizeistationen den besonderen Duft von Aussichtslosigkeit verströmen. Der Mann blieb namenlos. Er stammte aus Hawaii, seine Familie hatte 1998 das letzte Mal von ihm gehört, und das war es dann. Beinahe drei Jahrzehnte lang blieb es das.
Debra Flowers, stellvertretende Leiterin der Ermittlungsabteilung des National Park Service, erklärte nun, der Fall sei gelöst. Fortschrittliche DNA-Tests hätten die Überreste mit Verwandten abgeglichen, man habe den Mann identifiziert, Joseph Louis Serrao Jr., und hoffe auf ein Maß an Abschluss für jene, die jahrelang gerätselt hätten. So steht es in der Erklärung, gedruckt, offiziell, mit dem feierlichen Pathos jener Behörden, die gelegentlich einen Sieg erringen, der keiner ist, sondern nur das Ende des Wartens. Ein Triumph der Methode, nicht der Menschlichkeit.
Fünfzehn Stunden. Nicht siebenundzwanzig Jahre, sondern fünfzehn. Am frühen Sonntagmorgen, gegen 3:20 Uhr, verließ eine dreiundsiebzigjährige Frau ihr Haus in Flushing im Stadtteil Queens, etwa achthundert Meter vom Bowne Park entfernt. Sie litt an Demenz, berichten die Behörden und Quellen aus dem Umfeld der Ermittlungen. Ein Familienangehöriger meldete sie als vermisst. Am Abend desselben Tages, kurz nach 18 Uhr, fand ein Passant, selbst noch im Schock, die Frau leblos im Wasser des Kettle Pond, in der Nähe des Springbrunnens. Weißes Tuch wurde über den Körper gebreitet, lediglich ein runzliger, grauer Fuß blieb sichtbar. Sanitäter zogen den Leichnam behutsam aus dem Wasser, legten ihn ins Gras, Augenzeugen standen herum. Ein Hundespaziergänger sagte später, es sei verstörend gewesen in einem sonst so friedlichen Park. Eine stille Disco und ein Gemeinschafts-Putztag hatten dort am Vorabend noch stattgefunden; das Parkgelände war zur Bühne gewesen, nun war es Schauplatz. Die Todesursache werde vom städtischen Leichenbeschauer festgestellt, teilte die Polizei mit. Die Frau hieß Qinmei Lin, doch das erfuhr man erst am Montag. Die Untersuchung dauert an.
Man darf die beiden Fälle nicht nebeneinanderstellen, sagen diejenigen, die so etwas stets zu sagen pflegen, weil man die Fälle nicht nebeneinanderstellen dürfe. Man darf es dennoch, weil die Mechanik dieselbe ist: ein Mensch verschwindet, und sei es in einer Großstadt, die sich für zivilisiert hält; ein Mensch liegt in einem Zelt, und sei es in einem Nationalpark, der sich für unberührt hält. Die Behörden finden den Körper, die Behörden finden den Namen, die Behörden sprechen von Ausdauer und von Abschluss. Dazwischen vergehen manchmal Jahrzehnte, manchmal nur ein halber Tag, und immer ist da ein grauer Fuß, der aus einem Tuch ragt, oder ein Schlafsack, in dem die Kälte den Tod konserviert hat, bis jemand vorbeikommt, der nicht die Absicht hatte zu finden, was er fand.
Ich habe in Genf Verträge unterschrieben, die nie eingehalten wurden, und ich habe Männern in die Augen gesehen, die lächelten, während sie logen. Man lernt dabei, daß die Welt ihre Toten nicht zählt, sondern nur katalogisiert. Die Familie Serrao wartete siebenundzwanzig Sommer lang auf ein Lebenszeichen, das nie kam, und als die Wissenschaft den Namen schließlich aus der DNA schälte, sprach man von Fortschritt. Die Familie Lin wartete fünfzehn Stunden, und als die Polizei den Namen in die Akten schrieb, sprach man von Erleichterung. Beides ist menschlich, beides ist kalt, beides ist das, was übrig bleibt, wenn die Maschine der öffentlichen Trauer einmal mehr ihre vorgeschriebene Melodie gespielt hat. Man nimmt die Handschuhe ab, man tippt die Erklärung, man faltet die Hände. Der Schlafsack im Sol-Duc-Tal und der Teich in Flushing sind nur zwei weitere Mappen im Archiv. Und das Archiv, meine Damen und Herren, wächst.