← Zurück zur Titelseite Politik

Was ein schlagendes Herz kosten darf

22. Juni 2026 — — — Kastner

Man muss sich die Zahlen vorstellen wie ein Urteil, das in Abwesenheit gesprochen wurde. Vor der Operation, sagt mir Bernie Lawrence aus Fleet in Hampshire, habe er für die Jahrespolice einer Europareise weniger als hundert Pfund bezahlt. Siebenundsiebzig Jahre alt ist er, seine Frau Barbara neunundsiebzig, das Leben ein Calendarium aus Kreuzfahrten, Tee um fünf und dem verlässlichen Glauben, dass sich Versicherungen an Verträge halten. Dann, im Jahr 2018, bekam sein Herz beim Laufen Schmerzen, und neun Tage später wurde ihm eine vierfache Bypass-Operation gelegt. Seither, sagt er, schreibe die Versicherungsmathematik ihm eine andere Biographie zu.

Im Jahr 2022 zahlte das Paar 302 Pfund für dieselbe Police, die einst unter hundert gekostet hatte. Dann, nach einer kurzen Episode mit Vorhofflimmern und einer NHS-Warteliste für ein Echokardiogramm, belief sich das Angebot auf 1200 Pfund. Lawrence zahlte die Wartezeit nicht, er ging privat zum Scan, bekam die ersehnte Entwarnung, und der neue Kostenvoranschlag lautete 584 Pfund. 2024 folgten 805. Dieses Jahr, vor einer Mittelmeer-Kreuzfahrt: 1009 Pfund. Eine Kurve, die ein EKG sein könnte, würde ein Arzt sie sehen. Lawrence hat in all den Jahren nie eine einzige Schadensmeldung eingereicht. Er erwähnt das nicht als Vorwurf, sondern als Bestätigung.

Man darf das eine Prämie nennen, man darf es auch das Protokoll einer Branche nennen, die das Wort Solidarität in der achten Zeile der Kleingedruckten versteckt. James Daley, Gründer der Ratingagentur Fairer Finance, erklärt mir, eine einzige Krankenhausrechnung in den Vereinigten Staaten oder in Kanada könne die Lebensersparnisse eines britischen Rentners aufzufressen wie Säure eine Kupferplatte. Vor zwei Jahren, so die Statistik, haben die Versicherer 262 Millionen Pfund für medizinische Notfälle britischer Reisender ausgezahlt. Es ist das einzige Geschäft, in dem man dem Kunden wünscht, er möge den Vertrag niemals brauchen, und zugleich hofft, er möge ihn im nächsten Jahr erneuern.

Achtzehn Prozent der Briten, so eine Umfrage des Spezialversicherers AllClear, werden in diesem Sommer ohne jede Police reisen. Sie wissen, was sie riskieren, und sie riskieren es trotzdem. Man nennt das Freiheit, bis die Rechnung kommt. Eine Generation, die den NHS als zermürbende Warteschlange und die Privatversicherung als Lotterie erlebt hat, entscheidet sich zunehmend für das dritte Modell: das Schweigen.

Und hier liegt die Mechanik, die niemand ausspricht, während alle auf die Bühne der Sommerangebote starren. Wer eine Vorerkrankung verschweigt, macht die Police nicht etwa günstiger, er macht sie ungültig. Sie ist dann kein Schutz mehr, sondern ein Alibi, das im Zweifel gegen den Versicherten selbst verwendet wird. Es ist, als würde man einen Vertrag unterschreiben, in dem die andere Seite sich das Recht vorbehält, ihn nach Belieben umzudeuten. Lawrence, der siebenundzwanzig Jahre lang treuer Kunde war, ohne je zu kassieren, weiß das. Er sagt mir, die Versicherer sähen ältere Menschen als „eine Art Melkkuh", und fügt, mit der Höflichkeit eines Mannes, der nicht mehr kämpft, hinzu: „Man kann eigentlich nicht mit ihnen streiten, weil sie sagen: Na ja, Sie sind siebenundsiebzig und hatten dies und das in der Vergangenheit."

Was hier verkauft wird, ist nicht die Reise nach Griechenland oder in die Karibik, es ist die Erlaubnis, überhaupt zu reisen. Eine Art Laissez-passer des Körpers, ausgestellt von Sachbearbeitern, die seinen Puls noch nie gefühlt haben. Die Formel ist so einfach wie diskret: Alter plus Diagnose minus Hoffnung gleich Beitrag. Wer den NHS-Warteraum verlässt, ohne dass sein Befund in die Akte der Versicherung gewandert ist, ist im alten Sinne des Wortes verdächtig, nicht weil er lügt, sondern weil er noch lebt.

Ich habe in Genf Verträge gesehen, die mit Handschlag besiegelt und im Konferenzraum gebrochen wurden. Das hier ist die kleinere Schwester jener Sitten, höflicher, papierener, mit derselben Mechanik. Eine Police ist ein Versprechen, das sich selbst korrigiert, sobald das Risiko greifbar wird. Wer es ausspricht, bekommt die Quittung. Wer es verschweigt, bekommt die Quittung trotzdem, nur später, und mit Zinsen.

Lawrence, immerhin, hat verstanden, dass Wahrheit teuer ist, Schweigen aber teurer. Er hat die 1009 Pfund bezahlt und ist an Bord gegangen, Handschuhe in der Manteltasche, Frau am Arm, Hafenluft im Haar. Er weiß, was es heißt, den Preis für ein Herz zu nennen, das weiter schlägt. Mehr lässt sich über diese Branche kaum sagen, die dem Altern die Romantik nimmt und dem Überleben den Preis aufdruckt wie eine Zollerklärung.

✦ Ende des Artikels ✦
← Zurück zur Titelseite