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Das Schweigen der Kraniche

23. Juni 2026 — — — Kastner

Man muss den Männern in ihren grauen Anzügen zugutehalten, dass sie das Schweigen zur Kunst erhoben haben. Eine Woche ist es her, dass der Lufthansa-Dreamliner mit der Kennung D-ABPQ am Frankfurter Gate auf die Nase fiel, als hätte ihm jemand die Beine weggezogen, und noch immer hüllt sich der Konzern in jenes eigentümliche Vakuum, das man in Genf nur zu gut kennt: das Vakuum, in dem Verantwortung verschwindet, während Pressemitteilungen wie Lavendelsträuße auf Gräber niedergelegt werden.

Am vierten Juni, gegen zwölf Uhr fünfundvierzig, knickte das Bugfahrwerk der Boeing 787-9 aus bisher ungeklärter Ursache weg, und der Rumpf sackte um bis zu 1,85 Meter in sich zusammen. Man stelle sich das vor: 1,85 Meter. Die Höhe eines Kindes, das man nicht aufgehalten hat. In jener Nacht wurde das Kerosin abgelassen, wurde das Flugzeug angehoben, wurde es auf eigenen Rädern zum Technikgelände geschleppt, als wäre nichts geschehen, als hätte es nur genickt, als gehöre das Knicken zum Betriebsablauf wie das Rascheln der Sicherheitshinweise. Die Bundesstelle für Flugunfalluntersuchung, diese wachsame Hüterin der Lüfte, führt nun ihre Messungen durch, und Lufthansa erklärt, man werde das Flugzeug nach Abschluss der Untersuchung reparieren. Zu den potenziellen Schäden wolle man sich nicht äußern. Man verweist, wie immer, auf laufende Ermittlungen. Die laufenden Ermittlungen sind das weiße Rauschen zwischen den Sendern, in dem alles verschwindet, was wir wissen sollten.

Aber es gibt einen Hinweis, einen kleinen, fast beiläufigen Hinweis, der in London-Heathrow auf dem Boden liegt. Im Juni 2021, vor fünf Jahren beinahe auf den Tag genau, knickte bei einer Boeing 787-8 mit dem Kennzeichen G-ZBJB ebenfalls das Bugfahrwerk weg, während das Flugzeug für einen Frachtflug nach Frankfurt vorbereitet wurde. Auch dort schlug der vordere Rumpfteil auf den Boden, auch dort wurden die beiden Klappen, die das eingefahrene Bugfahrwerk im Rumpf verdecken, stark in Mitleidenschaft gezogen und teilweise aus ihren Halterungen gerissen. Eine Fluggasttreppe stand an der zweiten Tür auf der linken Rumpfseite, und durch das plötzliche Absinken wurde die Tür aus der Halterung gerissen. Die vorderen Verkleidungen beider Triebwerke waren kaputt, eine Klappe des Hauptfahrwerks beschädigt, der Rahmen der vorderen Ladeluke ebenfalls. Öffentliche Dokumente zu den Reparaturarbeiten gibt es nicht, denn was nicht dokumentiert ist, existiert nicht, und was nicht existiert, kann niemanden später belasten. Klar ist immerhin, dass die G-ZBJB am einundzwanzigsten November 2021, also rund fünf Monate nach dem Vorfall, in den Dienst zurückkehrte. Fünf Monate. Sagen wir es deutlich: ein halbes Jahr Ausfallzeit, offiziell verschwiegen, höflich übergangen.

Ein Flugzeugstrukturingenieur hat vor fünf Jahren für das Portal Aeropeep zusammengefasst, wie man in solchen Fällen vorgeht. Man nehme spezielle Messgeräte, prüfe, wie groß der Schaden im Inneren des Rumpfes überhaupt sei, wie weit sich die Beschädigungen im Rumpf zögen. Wenn die Struktur betroffen sei, werde ein Austausch nicht einfach. Denn der Dreamliner, diese hübsche Ikone der modernen Luftfahrt, besteht nicht aus Aluminium, das sich in einzelne Paneele zerlegen und Stück für Stück ersetzen ließe. Sein Rumpf ist aus kohlenstofffaserverstärktem Kunststoff, kurz CFK, leichter und stabiler als alles, was die alte Schule kannte, aber eben auch: deutlich schwieriger zu reparieren. Aluminiumrümpfe bestehen aus einzelnen Paneelen, die inklusive der Struktur dahinter herausnehmbar sind. CFK ist ein Gewebe, ein atmendes, ein rachsüchtiges Gewebe, das sich nicht so einfach ersetzen lässt, ohne dass das ganze Kleid neu geschneidert werden muss.

Und so sitzen wir hier, Ladies, in unseren Samtsesseln, lesen die kleinen Notizen über Dreamliner, die auf die Nase fallen, und warten auf jene Erklärung, die nie kommen wird. Man wird reparieren, man wird schweigen, man wird das Flugzeug in einigen Monaten, vielleicht einem halben Jahr, vielleicht mehr, wieder in den Dienst stellen, und die Passagiere werden einsteigen und glauben, sie flögen in die Zukunft. Die Zukunft, meine Damen und Herren, ist ein Carbonfaser-Rumpf, der einmal geknickt war, und eine Pressekonferenz, die man nicht verdient hat. Aber das Schweigen der Kraniche kennen wir. Es klingt wie Corporate Communication. Es klingt wie 1937. Es klingt wie immer.

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