Pantisano übernimmt: Die Linke wählt in Potsdam
Man muss sich die Szene vorstellen wie ein Ballett in einem Saal, dessen Kronleuchter schon lange nicht mehr poliert wurden. Die Linke, einst Hüterin der Arbeiterdichtung und der internationalen Solidarität, versammelt sich in Potsdam, um sich eine neue Führung zu geben — als wäre die Führung das Problem gewesen und nicht die Programmierung, die ihr vorausgeht. Luigi Pantisano, der Name klingt nach Neapel und nach Aufbruch, soll Jan van Aken beerben, und der junge Mann steht für das, was Parteitage seit jeher für nötig befinden, wenn die Umfragekurve längst die Horizontale erreicht hat: einen jungen, aktivistischen Kurs.
Es gibt Formulierungen in der politischen Sprache, die funktionieren wie abgenutzte Münzen — man nimmt sie in die Hand, spürt, dass das Profil weg ist, und gibt sie trotzdem weiter. „Jünger und aktivistischer" gehört zu dieser Sorte. Junge Männer, so weiß man seit 1917, seit 1933, seit 1968, kommen immer dann zum Zuge, wenn die Alten ihre Ziele nicht mehr in Wahlsiege ummünzen können. Es ist das eherne Gesetz der Erneuerung durch Erschöpfung. Man setzt neue Gesichter auf die Plakate, damit die alten Sätze weiterhin gedruckt werden dürfen.
Pantisano selbst ist ein Sympathiewert, das steht außer Frage. Ein Aktivist, ein Mann, der weiß, wie man auf Straßen steht, und das ist mehr, als mancher Stuhlpolitiker von sich behaupten kann. Doch Potsdam ist nicht Neapel, und eine Partei, die in Talkshows antrat, um die Verhältnisse zum Tanzen zu bringen, hat sich längst an den Verhältnissen wund gerieben. Die Frage ist nicht, ob ein neuer Co-Chef das Personalproblem löst, sondern ob die Partei ein Personalproblem hat oder ein inhaltliches — und diese Frage stellt sich auf Parteitagen traditionell nicht.
WELT-Reporterin Luisa Stangl berichtet aus dem Saal, und wer die Berichterstattung über Linke-Parteitage der letzten Jahre kennt, weiß, dass die Kameras die Gesichter suchen, nicht die Programme. Ein junger Mann mit dunklen Locken, der mit beiden Beinen auf dem Boden steht, ist ein besseres Bild als jede Passage aus einem Leitantrag, der ohnehin niemanden mehr überrascht. Die Inszenierung hat sich professionalisiert, die Botschaften sind dieselben geblieben. Es ist, als beobachte man einen Pianisten, der mit großem Pathos eine Etüde spielt, die das Publikum längst kennt. Die Finger sind schneller geworden, der Anzug ist frisch, aber das Stück ist dasselbe. Und das Publikum, das einst vor Ergriffenheit schwieg, gähnt nun aus Höflichkeit.
Pantisano tritt an der Seite einer Co-Vorsitzenden an, denn die Linke hat begriffen, was CDU, SPD und Grüne längst wissen: dass sich eine Krise am besten zu zweit verwaltet, weil man die Verantwortung halbieren und die Schuld verdoppeln kann. Die Doppelspitze ist ein rhetorischer Schutzwall, ein Bollwerk gegen die Frage, wer denn nun eigentlich regiert. Zwei Gesichter, ein Programm, und am Ende des Abends wird abgestimmt, was vorher beschlossen wurde. So funktioniert das seit Jahren — in der Sozialdemokratie, in den Grünen, in der FDP, und nun also auch hier, in dieser kleinen, eigensinnigen Partei, die sich immer noch einbildet, sie sei das Gewissen der Republik.
Jan van Aken, der abtritt, war ein würdiger Mann mit dem Habitus desjenigen, der die Welt schon mehrfach gerettet hat und nun enttäuscht ist, dass sie es nicht anerkennt. Er hat die Linke durch die Zeit nach Sahra Wagenknecht geführt, durch Umbenennungsdebatten, durch das stille Leid der fünf Prozent, und er tat dies, wie es sich gehört, mit gesenktem Blick und gefalteten Händen. Ihm folgt ein Mann, der das Kinn hebt. Das ist keine Kleinigkeit in einer Partei, in der das Kinn zu heben als bourgeoiser Reflex gilt.
Potsdam hat eine Geschichte, die schwer wiegt. Cecilienhof, wo einst die Sieger des Zweiten Weltkriegs die Landkarte Europas neu zeichneten. Die Garnisonkirche, die für jene Verheerungen steht, die entstehen, wenn man den Menschen zu viel verspricht und zu wenig zuhört. Hier, in dieser Stadt, eine Partei zu wählen, die sich selbst als moralische Instanz der Republik versteht, hat etwas von einer Ikonenwahl in einer ausgeräumten Kirche: Die Bilder wechseln, der Raum bleibt.
Was bleibt, ist die Frage, was ein „aktivistischer Kurs" in einer Zeit bedeutet, in der Aktivismus von den Straßen in die sozialen Medien gewandert ist, wo Empörung zur Währung und Empörungsmüdigkeit zur Diagnose geworden ist. Pantisano steht für eine Generation, die mit dem Smartphone geboren wurde, mit Demonstrationen, mit einer Aufmerksamkeit, die sich in Klicks misst. Ob diese Generation die Geduld aufbringt, die eine Partei braucht, die in Wahlkämpfen verloren geht, ist eine offene Frage. Doch offene Fragen werden auf Parteitagen nicht gestellt. Offene Fragen werden nach der Wahl gestellt, von den Wählern, die man nicht mehr sieht.
Man darf dem jungen Mann zugutehalten, dass er das Risiko kennt. Wer den Posten übernimmt, übernimmt auch die Aussicht auf das Ende. Die Linke ist eine Partei der Enden. Sie hat das Ende des Kalten Krieges überlebt, das Ende der DDR, das Ende der Gewerkschaftsbewegung, das Ende der großen Erzählungen. Sie hat überlebt, weil sie sich weigert zu verschwinden, und sie hat sich geweigert zu verschwinden, weil jemand immer noch glaubt, dass es jemand braucht, der die Welt gegen sich selbst verteidigt.
Pantisano wird diese Welt verteidigen müssen, mit einem Programm, das er nicht allein geschrieben hat, gegen eine Wählerschaft, die längst anderswo zu Hause ist, gegen ein politisches Berlin, das ihn freundlich ignorieren wird, solange er nicht stört, und das ihn zerlegen wird, sobald er es tut. Das ist das Los jedes Neuen in einer alten Partei, und es ist das Los jeder Partei, die sich für wichtiger hält, als die Republik sie nimmt.
Am Ende wird in Potsdam gewählt, was in Potsdam schon vorher beschlossen wurde. Das ist das Wesen solcher Versammlungen. Es ist das Wesen jeder Versammlung, in der es um mehr geht als um Zustimmung — um Legitimität, um Sichtbarkeit, um das kleine bißchen Hoffnung, das eine Partei zusammenhält, die zwischen fünf und zehn Prozent schwankt und sich einbildet, sie sei die Stimme derer, die keine Stimme haben. Draußen vor dem Saal wird das Wetter gleichgültig sein, die Kameras werden ihre Bilder haben, und am nächsten Morgen wird die Republik aufwachen und sich fragen, wer Luigi Pantisano ist. Manche werden es nachschlagen. Andere werden es nicht. Und die Linke wird das tun, was sie immer getan hat: weiterregieren, in der Hoffnung, dass das Regieren selbst die Macht bringt, die die Wahlen verwehren.
Es ist, mit Verlaub, ein ehrenwerter Irrtum. Und vielleicht der einzige, der diese Partei noch am Leben hält.