Operation Tiger, Operation Wolf — die Choreografie der Treue
Man nennt es jetzt Operation Tiger, und man sagt den Namen mit jener Stimme, in der Macht früher in Genf Verträge unterschrieb, die sie am nächsten Morgen vergessen würde. In Bandra Ost, in jenem Haus, das die Stadt Matoshree nennt, weil die Familie sich gern in Metaphern kleidet, saß am Sonntagnachmittag Uddhav Thackeray an einem Tisch und zählte seine Schäfchen. Neun Abgeordnete hatte er geladen, das gesamte Häuflein seiner parlamentarischen Macht im Unterhaus — und siehe, alle neun markierten ihre Anwesenheit. Vier davon leibhaftig: Anil Desai, Arvind Sawant, Sanjay Patil, Rajabhau Waje. Vier weitere über die kalte Glasbrücke der Videokonferenz: Omprakash Raje Nimbalkar, dessen Sohn zufällig in einem Hospital lag; Bhausaheb Wakchaure, dessen Frau zufällig in Hyderabad darniederlag; Sanjay Deshmukh und Nagesh Bapurao Patil Ashtikar, beide mit ähnlich rührenden Verhinderungen. Und dann Sanjay Jadhav, der einfach anrief. Aus Parbhani. Der Mann, der früher Sitzungen schwänzte, war diesmal telefonisch präsent — eine Treueerklärung, so kostbar und so dünn wie eine Telefonleitung im Monsun.
Es war, wenn man die Architektur solcher Aufmärsche kennt, ein vollendetes Ballett. Aaditya Thackeray, der Sohn, durfte ebenfalls mit am Tisch sitzen — die dynastische Geste, die in Mumbai so viel wiegt wie anderswo ein Vertrag. Vier echte Körper im Raum, fünf virtuelle, und das Gerücht, das die Stadt seit Tagen summte, sollte mit der Präzision eines Schmetterlingsnetzes gestoppt werden.
Das Gerücht hieß: Operation Tiger. Es kam aus dem Lager jenes Mannes, der sich selbst stellvertretender Ministerpräsident nennt — Eknath Shinde —, und es besagte, dass die neun Mandatare der Fraktion UBT ins eigene Lager zurückschwenken wollten. Neun von neun. Eine vollständige Akquisition, eine Fusion in Zeitlupe, eine Art corporate raid auf parlamentarische Beine. Gegen solche Gerüchte hilft bekanntlich nur die Theatralik. Also die Sitzung. Also Matoshree. Also der stellvertretende Bundesstaats-Sprecher Sanjay Raut, der nach getaner Sitzung vor die Mikrofone trat und verkündete, was immer ein Sprecher in solchen Stunden verkündet: Man sei geeint, man sei loyal, und nun möge das „rumour mill", die Mühle der Gerüchte, doch bitte verstummen.
Es verstummte nicht. Am Montag, einen Tag später, gab dieselbe Stimme eine Gegenerklärung aus: Operation Wolf solle gestartet werden, eine Art Gegenjagd auf jene, die da jagen. Wer gejagt werden soll, blieb — wie immer bei solchen Manövern — angenehm unscharf. Fest stand nur: Alle neun Abgeordneten seien mit der Partei, und die aus den Krankenhäusern und aus Hyderabad hätten sich eben per Videoschalte gemeldet, weil Krankheit keine Termine kenne und Liebe keine Wege. Sanjay Jadhav, so hieß es, werde in zwei Tagen persönlich erscheinen.
Und dann, am späten Dienstag, schrieb Sanjay Raut einen Post auf X, der in seiner Klarheit fast schon unanständig war: „Apna Sapna money money", hieß es da, und das Gerücht, dass jeder einzelne Abgeordnete für fünfzehn crore Rupien gekauft werden solle, sei erschütternd und abstoßend. Fünfzehn crore. Eine Zahl, die man in Mumbai nicht mehr in den Mund nimmt, ohne dass sie nach Puder und Parfüm schmeckt. Sie trug den Chief Minister Devendra Fadnavis im Adressfeld, was bedeutet: Ich sehe dich, auch wenn du gerade wegschaust.
Parallel, in der Manier eines perfekt einstudierten Konzerts, gab der Shiv-Sena-MLC Krupal Tumane aus dem Shinde-Lager das Stichwort: Sieben Abgeordnete und sechzehn MLAs seien in Kontakt, alles sei in der Endphase, vor der Monsun-Session werde man vollendet sein. Minister Pratap Sarnaik, dessen Aufgabe es ist, freundlich zu sein, fügte hinzu, die Türen der Shiv Sena stünden 24 mal 7, 365 Tage im Jahr offen. Eine Einladung, wie sie Banken ausprechen, kurz bevor sie die Konten schließen.
Was hier geschieht, ist keine Überraschung. Es ist die älteste Komposition der indischen Landespolitik, neu instrumentiert. Man nehme eine gebrochene Partei — Shiv Sena, einst ungeteilt, nun gespalten in UBT und Shinde-Flügel —, füge eine numerisch kleine, aber strategisch kostbare Gruppe von Mandatsträgern hinzu, würze mit der Aussicht auf 15 crore pro Kopf, lege das Ganze über die Glut einer anstehenden Legislatursession, und serviere zur Hauptsendezeit. Der 19. Juni soll der 60. Gründungstag der einst ungeteilten Shiv Sena werden, ein Datum, das wie ein Magnet wirkt: Wer an diesem Tag an der Seite von Matoshree steht, beweist Hingabe; wer fehlt, hat bereits den Mantel übergeworfen. Am 22. Juni beginnt die Monsun-Session des Landtages, und Uddhav Thackeray will bis dahin auch die MLAs und MLCs um sich scharen, jene zweite Welle, ohne die die erste parlamentarisch wertlos bleibt.
Raut und Desai reisten indessen nach Delhi. Es heißt, sie wollten die Abgeordneten erreichen. Man darf diese Reise als das lesen, was sie ist: eine diplomatische Mission im Kleinformat, ein Absichern der eigenen Karten, ein Aufpassen, dass im entscheidenden Moment niemand das Zimmer verlässt.
Wir haben das alles schon gesehen. In Genf, in Genua, in Räumen, die nach Tabak und teurem Holz rochen, haben Männer während sie lächelten gelogen, und wir haben die Protokolle in den Akten, schwarz auf weiß, und sie beweisen nichts, weil die nächste Sitzung die vorige Lüge bereits vergessen hat. Operation Tiger, Operation Wolf — es sind Tarnnamen für ein und dieselbe Mechanik: Wer zahlt, bestimmt. Wer geht, geht nicht aus Liebe, sondern wegen der nächsten Rechnung. Die indische Politik des Jahres 2026 erfindet nichts; sie variiert ein Thema, das älter ist als jeder Vertrag, der je in diesem Land unterschrieben wurde.
Was bleibt, ist das Bild von Matoshree an einem Junisonntag, vier Männer am Tisch, fünf Bildschirme, ein Telefonhörer, ein Vater, ein Sohn, und die Frage, ob fünfzehn crore mehr wiegen als ein Stuhl. In Mumbai weiß man: Sie wiegen immer mehr. Und wer es leugnet, hat gerade einen Termin in Hyderabad.