Madras zählt nach — und die Zahlen klagen an
In Madras, einer Stadt, die den Monsun kennt und die Hitze, schreibt man dieser Tage Klartext. Nicht zuerst in den Zeitungen — dort hätte es Geschrei und die üblichen Dementis gegeben —, sondern auf weißem Papier, in Druckschrift, mit dem Wappen des Staates darüber. Das hat Methode. Das ist die alte Methode: Wenn die Vertragsbrecher die Bühne verlassen haben, legt der Nachfolger das Inventar vor, und das Publikum darf staunen, was im Souffleurkasten verschwand.
Zwei Minister, zwei weiße Papiere, und beide erzählen sie dieselbe Geschichte aus zwei verschiedenen Türen.
C.T.R. Nirmal Kumar, Minister für Energieressourcen und Recht, kündigte am Sonntag in Madurai an, dass TANGEDCO — die staatliche Stromgesellschaft Tamil Nadus — bald ein eigenes Weißbuch erhalten werde. Sein Vorgänger Senthilbalaji habe das Unternehmen „ruiniert". Korruption, Misswirtschaft, Missmanagement — die klassische Triade, die in solchen Reden wie aus einem Baukasten fällt. Dann präzisierte er, was das heißt: schwimmende Ausschreibungen, der Kauf von Transformatoren, die Vergabe von Lizenzen im Sektor erneuerbarer Energien. Überall, so der Minister, sei Korruption und Günstlingswirtschaft gewesen. Man habe Regeln gebeugt, um einer „ausgewählten Gruppe" zu Gefallen zu sein.
Eine Zahl fügte er bei, die wie eine Quittung klingt: Für jedes Megawatt, das Bewerber im Sektor der erneuerbaren Energien begehrten, habe man, durch loyale Mittelsmänner, fünfundzwanzig Lakhs Rupien Provision verlangt. Eine Gebühr, die nicht im Gesetz stand, nicht im Budget, nicht im Protokoll — und die dennoch floss, weil ohne sie keine Lizenz erteilt, keine Erweiterung genehmigt, kein Anschluss freigeschaltet wurde. Das Hohe Gericht beobachte das, sagte der Minister. Das Central Bureau of Investigation ebenfalls. Die alte Sequenz: Anklage, Verfahren, Akte.
Zwei Tage später, am sechzehnten Juni, öffnete Finanzminister N. Marie Wilson das zweite weiße Papier, gemeinsam mit dem zusätzlichen Chefsekretär M.A. Siddique. Es trug den Titel „Fiscal Management of Tamil Nadu — An Examination of Public Finances 2021–22 to 2025–26". Ministerpräsident C. Joseph Vijay hatte es nach seinem Amtsantritt im Vormonat angekündigt. Was darin steht, ist die Fortsetzung des ersten Weißbuchs mit anderen Mitteln: Zahlen.
Die Schuldensumme Tamil Nadus, schreibt das Papier, beträgt nicht — wie über Jahre in den Köpfen verankert — zehn Lakhs Crore Rupien, sondern dreizehn Komma eins acht Lakhs Crore. Die kleinere Zahl erfasst nur die direkten Markt- und institutionellen Kreditaufnahmen des Staates. Die größere schließt die Schulden der öffentlichen Unternehmen, der Behörden, der Sonderzweckgesellschaften ein, die der Staat garantiert oder stillschweigend mitträgt. Dreihundertachtzehntausend Crore Rupien allein schulden die Staatsunternehmen zusammen. Das ist die Summe, die zwischen den Zeilen der Haushaltsreden wohnte.
Wo diese Schulden sitzen, sagt das Papier mit der Klarheit eines Pathologen: Im Stromsektor, der mit zweihundertsiebenundvierzigtausend Crore der größte Posten ist. Die Tamil Nadu Power Distribution Corporation — die frühere TANGEDCO, die in diesem Weißbuch wiederkehrt wie eine Figur in einem Drama mit zwei Akten — schuldet allein hundertsiebentausend Crore. Die Erzeugungsgesellschaft hundertdreitausend. Die Übertragungsgesellschaft einunddreißigtausend. Die Green Energy Corporation fünftausendsechshundertzweiundsiebzig.
Man halte inne. Die Schulden der Green Energy Corporation — des Unternehmens, das jenen Sektor verwalten soll, in dem, laut Nirmal Kumar, die Provisionen pro Megawatt kassiert wurden — betragen fünftausendsechshundertzweiundsiebzig Crore. So viel kosten also Ausschreibungen, Lizenzen, Erweiterungen, die angeblich korrekt abgewickelt wurden. Das eine Weißbuch erzählt von den Händen, die Geld nahmen. Das andere erzählt, was sie gekostet haben — und legt das Konto einer früheren Regierung offen, deren Bücher nun geöffnet werden.
Das Papier stellt fest: Die eigene Steuerleistung — die „own-tax effort" — sei „kollabiert". Das Wort benutzt man nicht in Ministerien, die ihren Haushalt noch für heil halten.
Währenddessen fällt in Chennai das Licht aus. Die Infrastruktur, sagt Nirmal Kumar, stamme großteils aus den frühen Zweitausendern. Substationen wurden nicht gebaut, Transformatoren nicht erneuert. Für Madurai brauche man sechs neue Stationen, für Chennai ein Vielfaches. Siebzigtausend Stellen in TANGEDCO sind unbesetzt. Auch das gehört zur Bilanz.
Nirmal Kumar versprach: keine einzige Rupie als „Cut", keine Parteikasse, keine Mittelsmänner, keine Broker. Er sprach von Transparenz. Er sprach, als trüge er Handschuhe.
Ich sage das ohne Pathos, denn Pathos ist die Waffe derer, die etwas verkaufen wollen. Fünfundzwanzig Lakhs pro Megawatt. Siebzigtausend unbesetzte Stellen. Dreizehn Komma eins acht Lakhs Crore. Die Zahlen stehen nun auf weißem Papier. Sie werden gelesen, kommentiert, vergessen — wie es die Mechanik vorsieht. Doch bevor sie wieder verschwinden, sei angemerkt: Die Handschuhe, die diese Regierung trägt, sind neu. Die Hände, die sie füllen, kennen wir.