Fünf am Tag — und wer nicht mitrechnet, schluckt mit
Wieder eine Ernährungsstudie. Wieder eine Zahl. Diesmal: 500 Milligramm Flavanol pro Tag sollen die Sterblichkeit durch Herz-Kreislauf-Erkrankungen um 27 Prozent senken — sofern man der COSMOS-Studie glaubt, der bisher größten randomisierten Untersuchung zu Polyphenolen. Klingt solide. Ist es auch. Fast.
Denn die neue Arbeit, die gerade durch die amerikanischen und britischen Gazetten wandert, will uns weismachen, dass die altehrwürdige Fünf-am-Tag-Regel nicht ausreiche. Zu wenig Flavanol, sagen die Forscher. Selbst jene unter den 30.000 untersuchten Erwachsenen aus den USA und Großbritannien, die die offiziellen Empfehlungen tatsächlich befolgten, schafften es nur zu einem Viertel — sprich: weniger als 25 Prozent — auf die magische 500-Milligramm-Marke.
Was also tun? Blaubeeren essen, Pflaumen, Brombeeren, dicke Bohnen, Kirschen. Grüner Tee dazu. Das empfehlen die Autoren selbst, ganz zum Schluss, fast beiläufig.
Ich lese die Autorenschaft noch einmal. Universität Reading. Harvard Medical School. UC Davis. Und Mars, Incorporated.
Mars.
Die Süßwarenfirma. Jene Firma, die M&Ms produziert und Snickers und — genau — Kakao. Kakao gehört zu den flavonolreichsten Lebensmitteln, die der durchschnittliche Industrienahrungsbewohner überhaupt zu sich nimmt. Eine Firma also, deren Geschäftsmodell auf der These beruht, dass Kakao gesund sei, beteiligt sich an einer Studie, die Flavanol-Mangel in der Bevölkerung feststellt.
Ich bin nicht der Erste, dem das auffällt. Ich bin nur der Erste, der es heute aufschreibt.
Man muss den Forschern nicht unterstellen, sie seien bestochen worden. Man muss nur festhalten: Wer eine Studie mitfinanziert, deren Ergebnis seine Produkte aufwertet, hat ein Interesse daran, dass die Empfehlung der Weltgesundheitsorganisation neu kalibriert wird. Von „fünf Portionen Obst und Gemüse" zu „fünf Portionen, aber bitte die richtigen — und hier kommt Kakao ins Spiel, ach, wir haben da was in petto, CocoaVia, schöne Grüße aus dem Hause Mars."
Die Methodik der vorliegenden Untersuchung ist übrigens — und das sollte man fairerweise sagen — statistisch solide. Biomarker-Daten, 30.000 Probanden, Querschnittsanalyse. Was sie nicht gemessen haben: den tatsächlichen kardiovaskulären Ausgang. Sie haben geschätzt, wie viel Flavanol die Leute essen. Sie haben nicht gemessen, wie viele davon herzkrank werden oder nicht. Das ist ein wesentlicher Unterschied. Korrelation ist keine Kausalität. Geschätzter Konsum ist kein gemessener Konsum.
Und dann die Zahl. 500 Milligramm. Wer hat die festgelegt? Die COSMOS-Studie, eine randomisierte kontrollierte Untersuchung, gefördert von — Mars, Incorporated. Dort testete man ein Flavanol-Supplement, nicht etwa fünf Portionen Obst. Das Supplement senkte die kardiovaskuläre Mortalität um 27 Prozent. Eine beeindruckende Zahl. Eine Zahl, die seither durch jede Pressemitteilung geistert, als wäre sie Naturkonstante.
Nun ist es nicht so, dass Flavanole nicht wirken. Sie wirken wahrscheinlich. Antioxidative Wirkung, Verbesserung der Endothelfunktion, entzündungshemmende Effekte — all das ist plausibel, teilweise gut belegt. Die Frage ist nicht ob, sondern wieviel, in welcher Form, aus welcher Quelle, mit welcher Begleitforschung.
Fünf Portionen Obst und Gemüse am Tag bleiben eine der am besten belegten Ernährungsempfehlungen der letzten hundert Jahre. Sie reduzieren das Risiko für Schlaganfall, Bluthochdruck, bestimmte Krebsarten. Sie sind günstig. Sie sind erreichbar. Sie wurden nicht von einer Süßwarenfirma erfunden.
Was diese neue Studie uns eigentlich sagt: Selbst wer sich an die Regeln hält, isst vielleicht nicht die flavonolreichsten Sorten. Das ist ein berechtigter Punkt. Es ist kein Grund, die Regel selbst umzustoßen. Und es ist erst recht kein Grund, einer Firma zu vertrauen, die aus der Messung von Flavanol-Mangel ein Geschäftsmodell schneidert.
Ich habe in dreißig Jahren gesehen, wie die Tabakindustrie die Wissenschaft über Lungenkrebs umschrieb. Wie die Zuckerlobby die Fett-Hypothese pushte. Wie die Pharmaindustrie Leitlinien schrieb. Wie der weiße Kittel zum Kostüm wurde. Ich bin nicht paranoid. Ich bin nur alt genug — und meine Pfeife ist längst aus.
Was ich wissen will: Wie viele der 30.000 Probanden wurden in der COSMOS-Studie eigentlich mit Flavanol-Supplementen versorgt — und wie viele davon, statistisch gesehen, von Mars bezahlt?