Die Schwelle, an der Eigentum zur Kette wird
Manche Mauern stehen nicht dort, wo man sie vermutet. Die republikanische Abgeordnete Nicole Malliotakis hat einen Gesetzentwurf vorgelegt, der auf den ersten Blick wie eine Wohltat wirkt und auf den zweiten wie eine Landkarte jener unsichtbaren Gefängnisse, in denen die Alten dieser Nation ihre letzten Jahrzehnte verbringen. Wer fünfundsechzig Jahre alt ist und sein Haus fünfundzwanzig Jahre lang besessen hat, soll beim Verkauf bis zu einer Million Dollar Gewinn steuerfrei stellen können. Eine Million Dollar. Die Zahl klingt nach Großzügigkeit, nach jener amerikanischen Geste, die immer dann hervorgeholt wird, wenn ein Problem so verfahren ist, dass man es nur noch mit Geld lösen kann.
Doch die Zahl verrät mehr, als ihre Urheber beabsichtigen. Eine Million Dollar ist kein Geschenk für jene, die in bescheidenen Verhältnissen alt geworden sind. Es ist die exakte Summe, oberhalb derer das eigene Zuhause zur Falle wird. In den Vereinigten Staaten, wo Immobilien über Jahrzehnte oft um ein Vielfaches an Wert gewinnen, bedeutet ein Haus im Ruhestand nicht nur ein Dach über dem Kopf, sondern einen kapitalisierten Gewinn, der beim Verkauf besteuert würde. Und so bleiben die Alten. Nicht aus Sentimentalität allein, nicht aus mangelnder Bereitschaft, sondern weil der Staat, der ihnen einst das Eigenheim ermöglichte, nun an der Türschwelle steht und kassiert, sobald sie gehen wollen.
Es ist eine jener eleganten Erfindungen, für die Steuersysteme berühmt sind: eine Hürde, die niemand errichtet hat und die dennoch jeden aufhält. Malliotakis will diese Hürde beseitigen, und man darf unterstellen, dass es ihr aufrichtig erscheint. Doch die Mechanik bleibt dieselbe, die Mechanik der späten Korrektur. Man lässt etwas zur Falle werden und schreibt dann ein Gesetz, das die Befreiung erkauft. In Deutschland, wo selbstgenutzte Immobilien nach Paragraf 23 des Einkommensteuergesetzes ohnehin steuerfrei verkauft werden können, existiert diese Hürde nicht. Und dennoch sitzen die Alten auch dort fest, gefangen in derselben Mechanik, nur mit anderen Schrauben: hohe Kaufpreise, knappe kleinere Wohnungen, Umzugskosten, emotionale Bindung an die Nachbarschaft, Kaufnebenkosten. Es ist dasselbe Drama in einer anderen Garderobe.
Die Befürworter des amerikanischen Plans setzen auf einen doppelten Effekt. Sie hoffen, dass Senioren leichter den Schritt wagen, näher zur Familie zu ziehen, in kleinere Wohnungen, in betreutes Wohnen. Gleichzeitig, so die Logik, kämen größere Häuser auf den Markt. Man darf diese Hoffnung teilen und doch ihre Mechanik betrachten: Es ist die Vorstellung, dass ein finanzieller Anreiz genügt, um eine der schwierigsten Entscheidungen des Alters zu erleichtern. Als ließe sich das Festhalten an einem Zuhause, in dem fünfzig Jahre lang Weihnachten gefeiert wurde, in eine Steuerformel übersetzen.
Die Kritiker, und sie sind nicht ohne Berechtigung, sehen die Kehrseite. Eine Steuererleichterung, die erst bei sehr hohen Verkaufsgewinnen greift, ist keine Entlastung der Allgemeinheit, sondern eine Begünstigung derer, die ohnehin im Überfluss leben. Wer unter den heutigen Freibeträgen bleibt, hat nichts davon. Profitieren würden vor allem ältere Eigentümer in teuren Regionen, deren Häuser über Jahrzehnte stark im Wert gestiegen sind. Es ist die übliche Choreografie: Ein Gesetz wird als Hilfe für die Schwachen verkauft, nützt aber vor allem den Starken. Die Schwachen bleiben in ihren Häusern, die Starken können jetzt leichter gehen.
Malliotakis' Entwurf liegt noch im Kongress. Er wird diskutiert, zerredet, vielleicht verabschiedet, vielleicht begraben. Doch unabhängig von seinem Schicksal zeigt er, wie ein System, das Eigentum schuf, um Sicherheit zu schaffen, am Ende die Sicherheit selbst zur Last werden lässt. Das Haus, einst Versprechen gegen die Unbilden des Lebens, wird im Alter zur Frage, die niemand stellen möchte: Was ist dieses Haus wert, und was bin ich bereit, dafür aufzugeben?
Manche Mauern, schrieb ein Diplomat einst in ein Protokoll, das ich nie zu Gesicht bekam, stehen nicht in den Verträgen. Sie stehen in den Köpfen derer, die unterschrieben haben. Die republikanische Abgeordnete aus New York hat dies vielleicht verstanden. Vielleicht auch nicht. Die Schwelle, an der Eigentum zur Kette wird, ist jedenfalls benannt. Ob sie sich heben lässt, ist eine andere Frage.