Drei Minuten, sieben Pulte, ein Versprechen
Wien, Montagabend, beste Sendezeit. Der ORF, dieser eigenartige Staatsorganismus, der sich selbst ein öffentlich-rechtlicher Rundfunk nennt und sich dabei anhört wie jemand, der mit fester Stimme versichert, er habe die Wohnung nicht durchsucht — also: der ORF tat das, was er in solchen Lagen immer tut. Er inszenierte. Zur Primetime, versteht sich. Denn was in Österreich über das Medium Fernsehen ins Haus kommt, hat einen anderen Wahrheitsgrad als das, was hinter verschossenen Türen verhandelt wird, und das österreichische Publikum weiß das seit Jahrzehnten; es hat eine gewisse Übung darin, die Verpackung vom Inhalt zu trennen.
Sieben Kandidatinnen und Kandidaten standen also an weißen Rednerpulten, weiß wie die Unschuld, die man vorschützt, wenn man die Hand schon in der Schublade hat. Drei Minuten Redezeit. Drei Minuten, in denen ein Mensch, der jahrelang auf diesen Moment hingearbeitet hat, zusammenfassen muss, was er ist, was er kann und wem er es zu verdanken hat. Eine Präsentation ist immer auch eine Geste der Demut vor jenen, die im Publikum sitzen und wissen, dass die eigentliche Entscheidung längst gefallen ist. Eine Moderatorin stellte Fragen, und die Bewerberinnen und Bewerber durften Täfelchen hochhalten, „Ja" oder „Nein", wie Schulkinder, die auf die Frage des Lehrers antworten, obwohl die Antwort längst feststeht. Soll das Korrespondentennetzwerk ausgebaut werden? Soll der ORF Opern im Hauptabendprogramm zeigen? Man möchte hinzufügen: Soll der designierte Generaldirektor den Mantel nach dem Wind hängen? Doch diese Frage stand nicht auf den Kärtchen.
Am Ende einer Marathonsitzung, nach Skandalen und politischem Zerren, hieß der Gewinner: Clemens Pig. Ein Mann, der als Favorit der konservativen ÖVP galt, was in Österreich so viel heißt wie: ein Mann, den die richtigen Leute sich wünschen, und der die Kunst beherrscht, sich nicht anmerken zu lassen, dass er sich wünschen lässt. Er sagte, wie man sagt in solchen Momenten, dass er nichts dafür könne, dass die Politik ihn vereinnahme. Diesen Satz habe ich in Genf gehört, in Brüssel, in Wien selbstverständlich auch. Er ist der älteste Satz der politischen Sprache. Er bedeutet: Ich habe meine Hausaufgaben gemacht, und wer es nicht glaubt, soll beweisen, dass ich Bestechliches gefordert habe. Beweisen wird es niemand, denn die Beweise liegen in den Blicken, in den Händedrücken, in der Reihenfolge, in der die Namen fallen, wenn die Kaffeehäuser ihre Stammtische eröffnen.
Ich habe Verträge gesehen in Genf. Verträge, die mit Handschlag besiegelt wurden und die im Moment der Unterzeichnung bereits Makulatur waren. Ich habe Männern in die Augen geschaut, die lächelten, während sie logen — und zwar so lächelten, dass man zweifeln musste, ob sie es selbst noch wussten. Wer einmal in einem Verhandlungssaal gesessen hat, in dem die Uhr eine halbe Stunde nachging und alle Anwesenden so taten, als sei es Mitternacht, der erkennt die Mechanik wieder, die der ORF am Montagabend aufgeführt hat. Es ist die Mechanik der kontrollierten Auswahl. Man zeigt sieben Möglichkeiten, man lässt das Publikum mitwählen, man füllt die Täfelchen, und am Ende steht der Name, der von Anfang an auf dem Zettel stand, der aber niemals öffentlich kursierte, sondern nur in den Taschen derer, die ihn dorthin gelegt haben, wo er hingehört.
Was das Korrespondentennetzwerk betrifft, so wird es in den kommenden Monaten Gegenstand vieler Sonntagsreden sein. Ob es ausgebaut wird, hängt nicht von den Täfelchen ab, die am Montag gehoben wurden, sondern vom Budget, und das Budget ist, wie immer in solchen Häusern, ein Text, der zwischen den Zeilen geschrieben wird. Was die Opern betrifft, so hat sich der ORF in den vergangenen Jahren gelegentlich an sie erinnert, meistens dann, wenn ein Jubiläum anstand oder wenn die Quote es hergab, was selten genug vorkam. Beide Fragen waren nicht wirklich Fragen. Sie waren Staffage. Sie gehörten zum Bühnenbild wie die weißen Pulte.
Was bleibt, ist ein Mann, der das Vertrauen der Richtigen genießt, und ein Sender, der zur Ruhe kommen soll, wie man in Wien sagt, wenn man meint, dass er gefügig gemacht werden soll. Clemens Pig wird zur Ruhe kommen, keine Frage. Die Frage ist nur, wessen Ruhe gemeint ist. Die des Publikums, das abends einschaltet und glaubt, es werde informiert? Die Ruhe der Mächtigen, die wissen, dass im Hintergrund ein Mann sitzt, der versteht, wie das Spiel funktioniert? Oder die Ruhe eines Hauses, das so getan hat, als sei es unabhängig, und das sich nun, nach einer langen Phase des Zerrens, in die alte Ordnung fügt?
Ich trage Handschuhe beim Schreiben. Nicht aus hygienischen Gründen. Sondern weil man nie weiß, welche Tinte auf welche Hände abfärbt. Und weil die Handschuhe eine Erinnerung daran sind, dass alles, was berührt wird, Spuren hinterlässt — auch die schönsten Sätze, auch die höflichsten Formulierungen, auch die nobelsten Täfelchen.
Neunzehnhundertsiebenunddreißig war ein gutes Jahr, sagen diejenigen, die es überlebt haben. Die Welt spielte Schach. Man kannte alle Züge. Heute spielt sie immer noch Schach, nur sind die Figuren kleiner geworden, die Züge schneller, und die Spielregeln stehen in keinem Protokoll mehr, sondern in den Köpfen jener, die sich treffen, wenn das Publikum nach Hause gegangen ist.
Wien wird sich beruhigen. Der ORF wird weitersenden. Clemens Pig wird seinen Eid leisten, und alle werden so tun, als sei dies der Anfang von etwas Neuem. Es ist, wie immer, der Anfang von etwas Altem.