Der Krieg erreicht das ewige Eis
Manche Entfernungen sind keine. Fünfzehntausend Kilometer Luftlinie trennen die ukrainische Forschungsstation Akademik Wernadskyj von Kiew, doch wer dort den Horizont absucht, der sucht etwas anderes. Die Antarktische Halbinsel ist der weißeste Fleck der Weltkarte, und gerade deshalb hat jede Nation, die dort ihre Flagge in den Schnee rammt, eine Geschichte zu erzählen — eine Geschichte, die selten von Eis handelt und fast immer von dem, was die Mächtigen einander nicht ins Gesicht sagen.
Ich habe in Genf an Tischen gesessen, an denen Männer mit weichen Händen Verträge unterschrieben, die sie noch im selben Atemzug vergaßen. Ich habe zugesehen, wie Länder, die kaum noch Land besaßen, sich an Symbolen festhielten — an einer Flagge, einer Hymne, einem Stempel auf einem Dokument. Souveränität, lernte ich dort, ist kein Zustand. Sie ist eine Geste. Und manchmal ist die Geste alles, was bleibt, wenn die Karten neu gemischt werden und die Spieler einander zulächeln, bevor sie einander opfern.
Die Ukraine nun unterhält am anderen Ende der Erde eine Forschungsstation. Akademik Wernadskyj. Benannt nach einem Mann, der an die Unsterblichkeit der Materie glaubte — ein zarter philosophischer Witz, wenn man bedenkt, was sein Land seit Jahren durchmacht. Die Station steht dort seit Jahrzehnten, doch was einst ein wissenschaftliches Postulat war, ist heute, nach dem Februar 2022, zu etwas anderem geworden: zu einem Beweis, zu einem Atemholen, zu einem leisen „Wir sind noch da."
Es heißt, die Wissenschaftler vor Ort sprächen nicht oft über den Krieg. Sie messen die Temperatur des Ozeans, sie zählen Pinguine, sie beobachten, wie das Eis sich zurückzieht — langsamer als die Diplomatie, schneller als die Politik. Aber der Krieg, sagt man, sei allgegenwärtig. Nicht in den Daten. In den Gesichern. In den Pausen zwischen den Sätzen. In den Nachrichten, die mit Verspätung eintreffen, weil die Satelliten über dem Pol andere Aufgaben haben.
Hier geht es, so schreibt die Quelle, um mehr als Forschung. Nicht nur für Kiew, heißt es. Das ist der Satz, an dem man hängen bleiben sollte. Nicht nur für Kiew. Denn Kiew ist der Auftraggeber, die Hauptstadt, die Logik. „Nicht nur für Kiew" aber bedeutet: auch für jene, die draußen stehen. Für die Verbündeten, die wissen wollen, ob dieses Land noch Kraft hat, eine Station am Ende der Welt zu unterhalten. Für die Gegner, die in jeder Präsenz eine Botschaft lesen — oder lesen wollen. Für die Antarktis selbst, die ein neutraler Kontinent ist und genau deshalb zum Spielfeld wird, sobald jemand einen Fuß daraufsetzt.
Ich erinnere mich an einen Abend in Bern, an dem ein Botschafter mir erklärte, warum sein Land trotz allem eine kleine Insel im Pazifik unterhielt. „Es geht nicht um die Insel", sagte er. „Es geht darum, dass wir uns weigern, sie aufzugeben." Ich habe damals nicht geantwortet. Heute, viele Jahre und viele gebrochene Verträge später, verstehe ich ihn besser. Eine Forschungsstation ist kein Forschungsgerät. Sie ist eine Erinnerung daran, dass ein Land, das den Himmel vermisst, noch nicht aufgegeben hat, sich selbst zu vermessen.
Das Eis, muss man wissen, schweigt. Es nimmt keine Seiten, es hört keine Reden, es kennt keine Grenzen. Aber der Mensch, der seinen Fuß daraufsetzt, kennt sie sehr genau. Jede Bohrkern-Probe, die in der Ukraine ausgewertet wird, jede Wetterstation, die Daten nach Kiew funkt, ist ein kleiner Akt der Selbstbehauptung — gegen die Geografie, gegen die Erschöpfung, gegen jene, die längst aufgehört haben, an die Fortdauer dieses Staates zu glauben.
Yury Shepeta hat diese Station fotografiert. Man sieht das Übliche: Wellblech, Antennen, Schnee. Man sieht das Außergewöhnliche nicht. Das Außergewöhnliche ist die Tatsache, dass dort jemand steht und misst, während zu Hause Bomben fallen. Das Außergewöhnliche ist die stille Weigerung, sich unsichtbar zu machen, während ringsum die Karten neu gezeichnet werden.
Man kann einer Forschungsstation kein Heldentum andichten. Das wäre albern, und die Männer und Frauen dort würden höflich lächeln und weiter ihre Instrumente kalibrieren. Aber man kann, meine Damen und Herren, anerkennen, dass Präsenz eine Sprache ist. Eine sehr alte. Eine, die in Genf niemand mehr hören will, weil sie unbequem ist, weil sie kein Vertrag ist, kein Absatz, kein Protokoll — nur ein warmer Atem in einer Hütte aus Blech, fünfzehntausend Kilometer von allem entfernt, was wir Welt nennen.
Die Ukraine sendet jeden Tag ein Signal. Es ist nicht kodiert. Es ist nicht geheim. Es ist nur da. Wie eine Fahne im Schnee. Wie ein Name auf einer Tür.
Wer Ohren hat zu hören, der höre.