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Ihre Rente im KI-Fieber — und niemand hat gefragt, ob Sie das wollten

28. Juni 2026 — — — Ada Voss, auf Sendung

Die Drähte summen. Aus London kommt ein Kabel: Sechs Billionen Dollar mehr in zwölf Monaten, schreibt die Korrespondentin. Sechs Billionen. Ich muss das zweimal lesen. In meinem Büro riecht es nach Lötzinn, der Kaffee ist kalt, und eine Stenotypistin aus der Anzeigenabteilung fragt mich, was eine Billion ist.

Ich erkläre es ihr. Sie versteht es nicht.

Sie wird es verstehen müssen.

Denn diese Zahl steckt in Ihrem Portemonnaie. In Ihrer Rente. In jedem Sparbuch, das Sie nicht mehr besitzen, weil Ihr Geld inzwischen woanders arbeitet — in Maschinen, die Sie nicht sehen, in Firmen, deren Namen Sie nicht aussprechen können. Eine Technologie namens Künstliche Intelligenz hat die Weltbörsen gepackt und schüttelt sie durch wie ein Kind einen Tannenbaum.

Die Bilanz: Wer Geld in einem globalen Fonds hat, einem US-Fonds, einem Technologiefonds, der hat in den letzten zwölf Monaten rund 25 Prozent zugelegt. Wer nur zugeschaut hat, hat trotzdem profitiert — über die betriebliche Altersvorsorge, über jene unsichtbaren Kanäle, durch die Ihr Lohn fließt, wenn Sie nicht hinsehen.

Das klingt nach Geschenk. Ist es auch. Aber jedes Geschenk kommt mit Rechnung.

Schauen wir auf die Rechnung.

Sieben Firmen bestimmen das Bild. Nvidia baut die Chips, mit denen diese Maschinen rechnen. Apple, Microsoft, Amazon, Google, Facebook, Tesla — alle mit im Chor. Zusammen machen sie mehr als ein Viertel des Wertes aller Aktienmärkte der Welt aus. Nvidia allein ist fast fünf Billionen Dollar wert, 41 Prozent mehr als vor einem Jahr. In zwölf Monaten haben diese sieben Konzerne den Anlegern rund sechs Billionen Dollar eingebracht — beinahe das Doppelte des britischen Leitindex FTSE 100.

Und jetzt, in dieser Woche: SpaceX ging an die Börse. Bewertung: 1,8 Billionen Dollar. Die höchste in der Geschichte. OpenAI — die Firma hinter jener Maschine, die Texte schreibt wie ich, nur schneller und schlechter — will in den nächsten Monaten folgen. Anthropic, ein Nebenbuhler, ebenso. Beide könnten ebenfalls die Billionenmarke reißen.

Was bedeutet das? Dass Ihr Geld in Firmen steckt, die etwas verkaufen, das noch niemand vollständig versteht. Etwas, das Texte verfasst, Bilder malt, Stimmen imitiert, Entscheidungen vorbereitet. Etwas, das heute wertvoll erscheint, weil alle glauben, dass es morgen noch wertvoller wird.

Das ist das alte Spiel. Tulpenzwiebeln. Eisenbahnaktien. Südsee-Kompanie. Die Geschichte wiederholt sich nicht, aber sie reimt sich.

Ich sitze in einem Büro im dritten Stock, und die Männer in den Börsensälen — ich darf da nicht rein, das wissen wir beide — sagen mir dasselbe, was sie seit jeher sagen: Diesmal ist es anders. Die Gewinne seien real. Die Nachfrage sei unersättlich. Die Zukunft sei sicher.

Aber dann rufe ich einen alten Bekannten an. Einen Mann, der drei Börsencrashs überlebt hat und jetzt in einer kleinen Wohnung in Charlottenburg die Aktienkurse aus dem Fenster schaut. Er sagt: Wenn alle glauben, dass es nach oben geht, dann gibt es kein Oben mehr. Dann geht es zur Seite. Oder nach unten.

Die Experten, die in den Zeitungen zitiert werden, sagen es höflicher. Die Wachstumsrate sei ungewöhnlich, sagen sie. Nur die optimistischsten Investoren glaubten, dass sie ewig anhalte. Es gebe reale Gefahren. Viele fürchteten, die Fahrt ende mit scharfer Bremsung.

Ich übersetze: Irgendwann geht es abwärts. Die Frage ist nicht ob, sondern wann. Und wer dann die Rechnung bezahlt.

Wird es Elon Musk sein, der SpaceX an die Börse brachte? Nein. Wird es der Chef von OpenAI sein? Nein. Wird es der Fondsmanager sein, der Ihre Rente verwaltet? Kaum.

Es werden die sein, die jetzt am lautesten jubeln. Die Sparer. Die kleinen Anleger. Die Rentner von morgen. Sie kaufen, weil alle kaufen. Und sie werden verkaufen müssen, wenn alle verkaufen.

Das ist die Maschinerie. Sie ist alt. Sie funktioniert. Sie hat schon Generationen geschröpft.

Was tun? Ich bin Reporterin, keine Beraterin. Aber ich höre auf den Drähten. Und was ich höre, ist dies: Die Maschine arbeitet für jene, die sie gebaut haben. Für uns arbeitet sie nur, solange wir zuschauen und klatschen.

Die Drähte summen weiter. Der Kaffee wird frisch gekocht, aber ich trinke ihn nicht. Ich schreibe weiter. Weil irgendjemand es aufschreiben muss, bevor der nächste Sturm kommt.

✦ Ende des Artikels ✦
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