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Fünfundfünfzig Wagen und die Geometrie der Verleumdung

28. Juni 2026 — — — Kastner

In Genf habe ich einst Verträge gelesen, die niemand einzuhalten gedachte, und dort gelernt, daß jede Lüge eine Architektur besitzt. Sie ruht nicht auf dem, was sie behauptet, sondern auf dem Schweigen dessen, was sie ausläßt. Major Ravi, Filmemacher und BJP-Mann, hat dieser Tage ein Bauwerk errichtet, das seinesgleichen sucht.

Er behauptete, in einem weit verbreiteten Video, der ehemalige Chief Minister von Kerala, Pinarayi Vijayan, sei zum Begräbnis des Schauspielers und früheren CPI(M)-Parlamentariers Innocent mit einer Kolonne von fünfundfünfzig Fahrzeugen und fünfhundertsechzig Polizisten angerückt. Eine Phalanx, die für den Schutz eines Staatschefs angemessen wäre, nicht für den Abschied von einem Mann, der das Publikum zum Lachen brachte und dann still ging.

Pinarayi Vijayan, nun Leader of the Opposition, hat am zwölften Juni in Thiruvananthapuram eine Petition beim Innenminister Ramesh Chennithala eingereicht und beim State Police Chief Ravada Chandrasekhar Anzeige erstattet wegen verleumderischer Äußerungen und einer orchestrierten Kampagne in den sozialen Medien. Die Originalaufnahmen des Tages, so sein Büro, liegen vor. Wer sie betrachtet, sieht eine Lüge in voller Montur und erkennt, daß die Bilder, die das Netz durchliefen, fabriziert waren.

Das ist der Punkt, an dem jede Verleumdung ihr wahres Gesicht zeigt. Nicht in der Behauptung selbst — die Behauptung ist billig, ein Kind könnte sie erfinden. Sondern in der Infrastruktur, die sie trägt: gefälschte Aufnahmen, vervielfältigt von unzähligen Handles, geteilt von Männern, die sich niemals die Mühe machen würden, die Quellen zu prüfen, die sie so eifrig weiterreichen. Vijayan verlangt eine wissenschaftliche Untersuchung und strafrechtliche Verfolgung. Das klingt nach Aktenmappe, ist aber ein chirurgischer Eingriff.

Doch dies ist nur ein Akt im längeren Spiel. Am neunten Juni, auf einem Treffen des INDIA-Bündnisses, erklärte Rahul Gandhi, Leader of the Opposition im Lok Sabha, er werde Vijayan nicht umarmen, denn er führe einen politischen Kampf mit ihm. Die Congress-Partei veröffentlichte am zwölften Juni die Audioaufnahme und das Transkript. Ein merkwürdiger Akt der Transparenz, der die Aussage erst in jene Welt setzte, die er angeblich schon beklagte.

In Kozhikode, am dreizehnten Juni, schlug Vijayan zurück. Seine Anklage war präzise und kalt: Gandhis Vorgehen stärke nicht das Bündnis, sondern werde zur Hilfe für die BJP. Er verwies auf Tejashwi Yadav von der RJD und Akhilesh Yadav von der Samajwadi Party, die ähnliche Vorbehalte geäußert hatten, und auf die Lage der DMK — alles, so sein Argument, eine Folge dieser einen Haltung.

Und dann, mit der Eleganz eines Mannes, der jede Geste gegen den Strich bürstet, sagte Vijayan, er selbst umarme ohnehin niemanden. Er gebe die Hand oder falte sie zum Gruß. Aber man habe Gandhi den Premierminister Narendra Modi umarmen sehen. Das, sagte er, sei kein Problem. Was er jedoch auf dem Bündnistreffen gesagt habe, sei eine ganz andere Inszenierung gewesen. Man nennt das in meinen Kreisen die doppelte Buchführung. Hier nennt man es Politik.

Dazwischen, fast beiläufig, eine andere Sorge: das Nipah-Virus in Kozhikode. Vijayan kritisierte das Gesundheitsministerium für nachlässiges Handeln. Gesundheitsminister K. Muraleedharan habe es nicht für nötig befunden, nach Kozhikode zu kommen. Obwohl die jüngsten Minister kein Medizinstudium absolviert hätten, seien sie auf Notfälle vorbereitet gewesen — eine Vergangenheitsform, die wie ein Urteil klingt.

Fünfundfünfzig Wagen. Fünfhundertsechzig Polizisten. Eine Umarmung, die verweigert wurde. Ein Virus, das nicht warten kann. Und eine Architektur der Verleumdung, die hält, solange niemand nach den Originalaufnahmen fragt.

Ich habe Verträge gesehen, die nie eingehalten wurden. Ich habe Männern in die Augen geschaut, die lächelten, während sie logen. Das Erstaunlichste ist nicht die Lüge selbst. Sondern daß die Welt sie jedesmal aufs Neue glaubt, nur weil sie laut genug gesprochen wird.

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