Strichliste der Nacht — Indien rechnet seine Trinker ab
Sechzehntausendunddreißig Menschen hat die Polizei des südindischen Bundesstaates Tamil Nadu zwischen dem ersten und dem vierzehnten Juni dieses Jahres beim Trinken am Steuer ertappt — eine Zahl, die nichts mehr bedeutet, sobald man sie auszusprechen versucht, und die doch alles bedeutet, was man über die Mechanik der Macht wissen muss. Sechzehntausend Lenker, die nachts betrunken ins Steuer griffen, vierzehntausendeinhundert eingezogene Fahrzeuge, davon dreizehntausendzweihundertneunundneunzig Zweiräder, hundertsechsundfünfzig Dreiräder und sechshundertfünfundvierzig Autos, und am Ende eine Einnahme von 3,13 Crore Rupien an Bußgeldern — das sind, bei gegenwärtigem Wechselkurs, etwa dreihundertdreizehntausend Euro, mit denen sich ein bescheidenes Hotel in Pondicherry ein Jahr lang führen ließe, wovon die Polizei nichts weiß und auch nichts wissen muss.
In Chennai lief parallel eine dreitägige Sonderaktion der Greater Chennai Traffic Police, vom Abend des zwölften bis in die Nacht des vierzehnten Juni. Vierhundertvierunddreißig Trinker am Steuer wurden gebucht, dreihundertfünfzig Polizisten standen dafür an hundertzwanzig Kontrollposten — was so viel bedeutet wie: jeder zweite Beamte der Verkehrspolizei war in jenen Nächten damit beschäftigt, Schwankende zu messen, in Alkometer zu blasen, Ausweise zu kopieren, Anzeigen zu schreiben. Daneben — und das ist die schöne Beiläufigkeit, mit der die Statistik das Eigentliche verschleiert — hundertdreißig Fälle rücksichtsloser Fahrweise und zweitausenddreihundertfünfundachtzig Strafen wegen Fahrens ohne Helm. Der Auftrag kam von A. Amalraj, dem Polizeichef der Stadt; sein Name steht in den Protokollen, sein Gesicht in keinem.
In Hyderabad, der Hauptstadt Telanganas, rechnete eine andere Welt ihre Nacht ab: vierhundertachtundfünfzig Motorrad- und Autofahrer wurden über drei Kommissariate verteilt verzeichnet — zweihunderteinundachtzig in der Stadt selbst am zwölften und dreizehnten Juni, dreiundfünfzig in Cyberabad, jenem Bezirk der Glastürme und IT-Konzerne, an einem Wochenende, hundertvierundzwanzig in Malkajgiri über die ganze Woche vom siebten bis zum dreizehnten.
Man könnte diese Zahlen nebeneinander legen und glauben, sie sagten etwas übers Trinken. Sie sagen nichts übers Trinken. Sie sagen, wie der Staat trinkt.
Denn was geschieht mit den sechzehntausend? In Cyberabad erledigten die Gerichte zwischen dem achten und dreizehnten Juni zweihundertzehn Fälle: acht Verurteilte mussten Sozialarbeit leisten neben der Geldstrafe, zweihundertzwei zahlten nur, kein einziger saß ein. In Malkajgiri, parallel, hundertfünfundsiebzig Fälle: einer Sozialarbeit, hundertvierundsiebzig zahlten. Die Architektur ist eindeutig — das Vergehen wird in einen Geldbetrag übersetzt, die Gefahr in eine Quittung, der Schrecken in eine Buchungsnummer. Wer eine Quittung hat, hat seine Unschuld nicht wieder, aber seine Ruhe.
Die Polizei kennt das. Sie sagt es offen. Sie warnt, jeder, der betrunken einen tödlichen Unfall verursacht, könne nach Paragraf 105 des Bharatiya Nyaya Sanhita angeklagt werden — fahrlässige Tötung, die keinem Mord gleichkommt, bis zu zehn Jahre Haft, dazu Geldstrafe. Das ist die Drohung, die über dem Tisch hängt, während die meisten Fälle unter dem Tisch in Quittungen enden. Was die Polizei nicht sagt, muss man sich selbst sagen: dass ein System, das sechzehntausend Verstöße in zwei Wochen registriert und sie zu sechsundneunzig Prozent in Geld verwandelt, nicht das Trinken bekämpft, sondern das Trinken besteuert. Dass es Strafgesetzbücher gibt, in denen zehn Jahre stehen, und einen Alltag, der Quittungen druckt.
Dies ist keine Anklage. Es ist die ruhige Aufzeichnung von jemandem, der einmal in Genf Verträge gesehen hat, die nie eingehalten wurden, und Männern in die Augen, die lächelten, während sie logen. Der Staat braucht das Vergehen, um die Polizei zu rechtfertigen. Die Polizei braucht die Verhaftung, um die Statistik zu füllen. Die Statistik braucht die Quote, um den nächsten Haushalt zu begründen. Am Ende trinkt der Mann weiter, die Polizei zählt weiter, die Quittungen werden weiter gedruckt — und alle sind zufrieden, weil ihre Zahl in der Spalte steht, die ihnen gehört.
Es ist das alte Spiel. Es wird seit Jahren gespielt, es wird in Jahren noch gespielt werden, mit anderen Nummern, anderen Beamten, anderen Städten. Nur die Straße weiß, was zwischen der Quittung und dem nächsten Unfall geschieht — und sie schweigt, wie Straßen es tun, höflich und endgültig.