Meister Caballero und sein Schutzherr aus South Texas
In Genf, bei Verhandlungen, lernt man die Grammatik des Verschweigens: dass es weniger der Satz ist, den man sagt, als der Nebensatz, den man ungesprochen lässt, der zählt. Wer über die Felder der Macht geht, muss wissen, wo die Pfade abbiegen und wo sie enden. Wer sie nicht kennt, fällt in Gruben, die andere für ihn gegraben haben.
In Hidalgo County, Texas, kennt man solche Pfade vermutlich besser als anderswo. Dort, wo der Rio Grande die Grenze zieht und die Akten mancher Staatsanwälte über drei Jahrzehnte alt werden, sitzt seit dieser Woche ein Mann auf einem Wahlzettel, der erklärt, er habe seinen langjährigen Bandkollegen Frankie Caballero aus dem Gefängnis geholt.
Wahlzettel ist das eine Wort. Kandidat das andere. Der Mann heißt Bobby Pulido. Latin-Grammy-Gewinner, Tejano-Sänger, Demokrat. Er tritt im November gegen die republikanische Amtsinhaberin Monica De La Cruz im 15. Kongresswahlbezirk von Texas an. Das alles wäre eine Fußnote der Unterhaltungsbranche, hätte Pulido in einem YouTube-Gespräch mit dem Komiker Jose Luis Zagar aus dem Jahre 2019 nicht jenen Satz gesagt, der seit Anfang dieser Woche durch die Redaktionen von New York bis Los Angeles wandert wie ein nicht zurückgenommener Kuss: „Er kann alles mit dem Akkordeon. Aber stellt euch vor, sie haben ihn eingesperrt. Ich erinnere mich, als ich anfing, da habe ich ihn aus dem Gefängnis geholt."
Caballero war im Mai 2014 zu vier Jahren Haft verurteilt worden, weil er sich an einem achtjährigen Mädchen vergangen hatte. Er steht seither in einem Register, das in diesen Vereinigten Staaten niemand betritt, ohne es zu wissen. Pulido hat mit Caballero nach dessen Entlassung weiter getourt, bis 2021. Auf Quinceañeras, jenen Festen, mit denen Familien ihre fünfzehn Jahre alt gewordenen Töchter in die Gesellschaft einführen. Auch das wurde bereits vermerkt. Von der New York Times, dem Wall Street Journal, dem New Yorker.
Nun also das Video. „Meister" nennt Pulido seinen Keyboardspieler. Die Übersetzerin, die den Originalton für die New York Post aus dem Spanischen übertrug, weist darauf hin, dass das Wort für Gefängnis im Munde Pulidos ein Slang-Begriff gewesen sei, „slammer", nicht „prison", nicht „jail" im engeren Sinne. Eine Wortwahl, die Distanz schafft, wo keine sein darf. Wer seinen langjährigen Begleiter als Meister bezeichnet und gleichzeitig so tut, als wisse er nicht, warum dieser Mann zwischen 1990 und 2000 wiederholt in Gewahrsam genommen wurde, hat die Grammatik des Verschweigens perfekt studiert.
Die Kampagne antwortet, wie Kampagnen in solchen Stunden immer antworten. Ein Sprecher ließ verlauten, Bobby Pulido habe weder Kaution gestellt noch seinen Bandkollegen aus der Haft abgeholt. Die Bemerkung im Video sei als Geste der Fürsprache für einen Musiker gemeint gewesen, dem man eine Auftrittschance habe geben wollen. Eine ehrenwerte Lesart. Die Gegenlesart bleibt: dass ein Mann, der öffentlich bekennt, einem Häftling zur Freiheit verholfen zu haben, und dessen Name später unter einem Schuldspruch wegen schweren sexuellen Missbrauchs eines Kindes erscheint, eine Erklärung schuldig bleibt.
Dann kommt der Onkel. Rene Guerra, Pulidos Großonkel, war von 1982 bis 2014 Bezirksstaatsanwalt von Hidalgo County. Sein Name steht auf Gerichtsdokumenten, die im Jahr 2000 zur Einstellung einer Anklage gegen Caballero führten, einer Anklage wegen sexuellen Übergriffs aus dem Jahre 1994, die mit zehn Tagen Untersuchungshaft und einer persönlichen Bürgschaft endete. Ein ehemaliger Staatsanwalt aus dem County sagte gegenüber der New York Post, eine solche Freilassung auf eigene Bürgschaft sei nur „mit Billigung des Büros" möglich gewesen. Der Großonkel konnte sich an Einzelheiten nicht erinnern, versicherte aber, entweder er oder sein Erster Assistent müsse die Einstellung genehmigt haben.
Es ist ein Mechanismus, älter als die Republik: der Neffe auf der Bühne, der Onkel im Büro, der Bandkollege auf der Landstraße. Caballero, der in den Neunzigern mehrfach gegen Kaution freikam, dann 1995 das Album „Desvelado" mit Pulido einspielte, dann 2014 verurteilt wurde und dennoch weiter tourte, hat eine Akte, die lang ist wie eine Klageschrift: Kokainbesitz, Trunkenheit am Steuer, sexueller Übergriff auf ein Minderjähriges, im Jahr 2020 angeklagt durch eine Grand Jury wegen Strangulation eines Familienangehörigen.
Man kann das Schweigen der Kampagne deuten. Man kann es auch nicht deuten. Die Wähler in South Texas, sagt der Sprecher, ließen sich nicht ablenken. Eine kühne Behauptung in einem Wahlkreis, in dem Familien zu Festen gehen, auf denen ein verurteilter Sexualstraftäter steht, den der Kandidat einst selbst aus der Haft holte, wie er bekennt. Es gibt Tribunalbühnen, auf denen das Urteil nicht von Geschworenen gesprochen wird, sondern von Müttern, die ihre Töchter an der Hand halten, wenn die Musik spielt.
Wir werden die Wahl beobachten. Wie immer, mit Handschuhen.