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STILLE AUF DER HALBINSEL: KRIM STOPPT KINDERLAGER WEGEN TREIBSTOFF

29. Juni 2026 — — — Ada Voss, auf Sendung

Die Drähte tragen es aus dem Schwarzen Meer herauf, leise und ohne Mühe. Krim, die Halbinsel, die sich einst sonnte — schweigt. Sergej Aksjonow, der von Moskau eingesetzte Gouverneur, hat den Stecker gezogen. Vom 22. Juni bis zum 1. September keine Buchungen mehr, keine Kindergruppen. Das sowjetische Prestigeprojekt Artek, einst Vorzeigelager der pionierhaften Jugend, wird auf Eis gelegt. Begründung des Gouverneurs, ich zitiere aus der Frequenz: „Im Interesse der öffentlichen Sicherheit." Das ist die Standardformulierung, wenn man nichts sagen will.

Hören wir genauer hin. Ein Bus mit Kindern wurde auf dem Weg nach Artek gestoppt und nach Kertsch zurückgeschickt. Ohne Erklärung. Eine Mutter berichtet, die Session ihres Kindes habe an diesem Tag beginnen sollen. Artek habe die Aufnahme verweigert, ohne Grund. Die Kinder, so berichtet der Telegramkanal Krowawaja Barinja — betrieben von Ksenija Sobtschak — mussten in einem College in Kertsch übernachten. Man stelle sich das vor: Kinder, die auf das Lager warteten, landen in einem Hörsaal. Nicht wegen eines Krieges, nicht wegen einer Seuche. Wegen Sprit.

Was steckt dahinter? Treibstoff. Seit Ende Mai liefern ukrainische Drohnen den Versorgungsadern der Krim den Tod. Tanklaster, Lastwagen auf der Fernstraße R-280 „Noworossija" — Zielobjekte aus der Luft. In der Nacht zum 22. Juni, nach einem weiteren ukrainischen Schlag, fiel in Teilen der Krim der Strom aus. Die Behörden sprachen von „technischen Schäden" am Netz. Ein schöner Euphemismus. In Sewastopol gibt es seitdem geplante Stromabschaltungen. Geplante Abschaltungen. Das Wort kennt man aus der Telegraphie: jemand diktiert den Rhythmus, und du hast dich danach zu richten.

Die Zapfsäulen auf der Krim sind seit Sonntag trocken. Kein Verkauf an Privatpersonen, kein Verkauf an Unternehmen. Weder bar, noch unbar, noch Gutscheine. Wer tanken will, tankt nicht. Die Benzin- und Dieselknappheit beschränkt sich nicht auf die Halbinsel. Auch auf dem Festland brennt die Luft dünn. Drohnenangriffe auf russische Raffinerien, auch in Moskau, haben die Reserven angegriffen. Russland, immerhin der drittgrößte Ölproduzent der Welt, verlor in der vergangenen Woche rund 25 Prozent seiner Benzinproduktion gegenüber dem Junidurchschnitt 2025. Tagesmenge: etwa 90.000 Tonnen, umgerechnet 765.000 Barrel.

Die Seeweg-Exporte für Ölprodukte fielen laut Marktdaten in der ersten Junihälfte um 15 Prozent auf rund 3,3 Millionen Tonnen — verglichen mit der ersten Maihälfte. Die Lieferketten sind verstrickt, die Knoten hart. In den Regionen Lipezk, Rostow, Tatarstan, Woronesch, Chabarowsk und Irkutsk gibt es Versorgungsengpässe. Bestimmte Sorten, 95-Oktan-Benzin, Diesel, fehlen an Moskauer Tankstellen. Reporter fanden leere Säulen.

Wer zahlt den Preis? Die Kinder. Immer die Kinder. Ein weiteres Lager, „Art-Kwest", wurde ebenfalls abgesagt. Einem Jungen wurde die Teilnahme verwehrt. Andere Kinder schafften es noch aufs Gelände, bevor die Tore schlossen. Die einen drinnen, die anderen auf der Straße. Die Welt der Erwachsenen hat hier ein paar Sortiermaschinen aufgestellt.

Wer kontrolliert das? In Moskau tagten der stellvertretende Ministerpräsident Alexander Nowak, zuständig für Öl, mit Beamten und Produzenten. Es geht um einen „ausgewogenen Aktionsplan" — wieder dieses Wort, ausgewogen, das nach nichts schmeckt. Die Ölkonzerne berichten von Maßnahmen zur Versorgung des Binnenmarktes, von stabilen Preisen, von gesteigerter Förderung. Kremlsprecher Dmitrij Peskow sagt, Regierung und Konzerne arbeiteten an einer Lösung. Funktioniert das? Bisher: nein.

Wer profitiert? Schwer zu sagen in diesem Rauschen. Die Drohnen fliegen, die Pipelines schweigen, die Busse drehen um. Auf der Krim gibt es seit Tagen keinen Tropfen Benzin für den Normalbürger. Ein Bewohner Sewastopols, der nur seinen Vornamen Alexej nennt, sagt: „Ich habe nicht genug, also fahre ich weniger, nehme den Nahverkehr, fahre Rad oder gehe zu Fuß." Das ist Tapferkeit, die nicht tapfer klingt, sondern müde.

Ich höre die Frequenzen, die anderen zu hoch sind. Was hier passiert, ist kein Naturereignis. Es ist ein Krieg, der über die Köpfe der Schwächsten geführt wird. Kinderlager als Indikator — wer schließt die Türen für die Jüngsten, der hat nichts mehr im Tank. Weder Kraftstoff noch Erzählung. Das Lager Artek war einst Bühne für Sowjetpropaganda. Heute ist es ein leerer Stecker.

Mein Büro riecht nach Lötzinn und kaltem Kaffee. Die Drähte summen weiter. Aus Krim kommt wenig. Aus Moskau kommen Phrasen. Von den Kindern hört man nur, dass sie in einem College in Kertsch schlafen mussten. Das ist die Depesche des Tages. Ich unterschreibe mit Voss. Funkende.

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