Dreizehn Schiffe, kein Blick
Sie schalten ihre Transponder ab wie Diebe ihre Taschenlampen, und die Welt wundert sich, warum es im Persischen Golf so dunkel geworden ist. Drei LNG-Tanker haben in der vergangenen Woche die Straße von Hormus durchquert — nicht trotz der Blockade, nicht trotz der Drohnen, sondern mit einer Selbstverständlichkeit, die etwas über die neue Geographie der Macht verrät. Die Lebrethah, die Rasheeda, beide gehören QatarEnergy, beide haben sich in Ras Laffan die Tanks gefüllt, beide tauchten am 10. Juni wieder in den Überwachungssystemen auf, als wäre nichts gewesen. Die Marigold, Eigentum der staatlichen Ölfirma der Vereinigten Arabischen Emirate, gesellte sich hinzu. Zwölf Schiffe mit Flüssigerdgas an Bord haben die Meerenge seit Kriegsbeginn passiert. Man zählt mit, weil man nicht mehr anders kann.
Es ist ein eigentümliches Ballett, das sich dort abspielt, zwischen den Feuern der amerikanischen Marine und den Drohnen der iranischen Revolutionsgarden. Der Iran hat neue Regeln verfasst — eine nördlichere Route, durch iranische Hoheitsgewässer, sensible Daten, eine Gebühr für die Durchfahrt. Sechzig Tage kostenlos, dann werden Gebühren fällig. Man hat das Gefühl, eine Autobahnmautgesellschaft lese aus einem Protokoll vor, während der Verkehr brennt. Die USA haben geantwortet, wie sie auf alles antworten: mit einer zweiten Blockade, die alles abfangen soll, was iranischen Reedereien gehört oder sich an iranische Regeln hält. Schiffe wurden über weite Strecken verfolgt, bevor man sie festsetzen konnte. Die Bilder kennen wir. Die Besatzungen kennen wir nicht.
Was man wissen muss, ist dies: Rund ein Fünftel aller Öllieferungen der Welt laufen normalerweise durch diese dreißig Seemeilen Wasser. Das ist keine Metapher, das ist Ader. Und die Golfstaaten haben, in aller Stille, begonnen, sich Alternativen zu suchen — Pipelines, die das Meer umgehen, Terminals, die nicht im Schatten der Meerenge liegen, Verträge, die in Räumen unterschrieben werden, in die kein Reporter eingeladen wird. Es ist die alte Lektion: Wer eine lebenswichtige Ader kontrolliert, wird früher oder später von jenen umgangen, deren Blut durch sie fließt.
Man erzähle mir nicht von der Freiheit der Meere. Die wurde in dem Moment beerdigt, als das erste Schiff seinen Transponder abschaltete. Es gibt keine Freiheit mehr auf dem Wasser, es gibt nur noch Routen, die man bezahlt, und Routen, die man bezahlt, ohne dass es jemand sieht. Das Abschalten der Transponder — diese kleine Geste, die in jedem Handbuch für Seeleute als technische Panne verzeichnet steht — ist in Wahrheit das Eingeständnis, dass die offene See ein Archiv geworden ist, in dem jede Bewegung registriert wird. Wer unsichtbar bleiben will, muss lügen. Wer gesehen werden will, muss gehorchen. Dazwischen gibt es nichts mehr.
Die interessanteste Figur in diesem Stück ist nicht der Iran und nicht die Vereinigten Staaten. Es ist die Abwesenheit der Antwort. Weder Adnoc noch QatarEnergy haben auf Anfragen reagiert. Das Schweigen der Ölminister ist lauter als jeder Geschützdonner. Es bedeutet: Wir haben geliefert, wir haben kassiert, und wir werden morgen wieder liefern. Ob ihr uns dafür bestraft oder nicht, ist eine Frage, die wir später beantworten, in einer Währung, die ihr noch nicht kennt.
Iran hat gedroht, Schiffe mit Drohnen anzugreifen. Es gibt Gerüchte, dass es bereits geschehen ist. Die Welt schaut auf die Bühnen des Krieges und sieht Explosionen, sieht Flaggen, sieht die Gesichter der Generäle. Hinter dem Vorhang aber fließen zwölf Ladungen LNG nach Pakistan, nach Südostasien, wohin auch immer, und niemand stellt die Frage, die gestellt werden müsste: Was ist eine Blockade wert, die zwölfmal im Monat durchbrochen wird?
Die Antwort ist: weniger, als man glaubt. Und mehr, als man sehen kann.