Indien am Genfer Ufer: Modis G7-Tage zwischen Zuspruch und Geschäft
Evian-les-Bains, am Ufer des Genfer Sees. Wo vor hundert Jahren die Müden ihre Kuren tranken, treffen sich im Juni 2026 die Mächtigen zu ihrem siebenten Gipfel – und einer von ihnen führt ein Land vor, das nicht zur Gruppe gehört, aber überall mit am Tisch sitzt. Narendra Modi, Premierminister Indiens, absolviert am Rand des G7-Treffens in der französischen Kommune eine bilaterale Sequenz, die in ihrer Dichte an ein gut einstudiertes Konzert erinnert: vier Begegnungen in knapp zwei Tagen, jeder Auftritt mit eigener Tonart, am Ende fügen sich die Stimmen zu einem Akkord, der nach Handelsvertrag klingt und nach geopolitischer Neuvermessung.
Am Dienstag zunächst Kanada. Mark Carney empfängt seinen Amtskollegen zum vierten Mal binnen Jahresfrist – nach dem G7 in Kananaskis im Juni 2025 und dem G20 in Johannesburg im vergangenen November. Die Frequenz allein sagt etwas. Sie sagt, dass die Beziehung zwischen Ottawa und Neu-Delhi nicht mehr die ist, die sie unter Carneys Vorgänger Justin Trudeau war; sie sagt auch, dass Indien einen Partner zurückgewonnen hat, der über Öl, Erdgas, Petroleum und vor allem Uran verfügt – jenes Element, das in den Kühlfächern indischer Reaktoren seinen Dienst tun wird. Im März dieses Jahres hatten Cameco und die indische Atomenergiebehörde ein Lieferabkommen über 2,6 Milliarden kanadische Dollar unterzeichnet, gültig von 2027 bis 2035. Was sich zwischen den Zeilen des Kommuniqués findet, ist die Energiepartnerschaft, die Carney und Modi im selben Monat auf den Weg brachten. Was sich nicht in den Zeilen findet, ist die Vorgeschichte: Trudeaus Vorwurf aus dem Jahr 2024, indische Agenten stünden hinter dem Tod des pro-khalistanischen Aktivisten Hardeep Singh Nijjar in British Columbia; Neu-Delhi seinerseits hatte Ottawa vorgeworfen, anti-indischen Extremismus nicht hinreichend zu bekämpfen und seine diplomatischen Vertretungen unzureichend zu schützen. Diese Spannung ist nicht aufgelöst; sie ist nur nicht mehr offen. Modi kündigt für das Jahresende einen Besuch in Kanada und den Abschluss eines Freihandelsabkommens an. Handelsminister Piyush Goyal war im Mai mit über hundert Wirtschaftsvertretern in Ottawa. Die Maschine läuft.
Am Abend dann Evian mit Blick auf das britische Begehren. Keir Starmer, dessen politische Zukunft an einer Nachwahl am Donnerstag hängt – Andy Burnham, der Bürgermeister Greater Manchesters, könnte ins Parlament zurückkehren und damit zum ernsthaften Anwärter auf Starmers Posten werden –, spricht mit Modi über die Vertiefung der bilateralen Beziehungen. Im Juli 2025 hatten beide Seiten ein Freihandelsabkommen unterzeichnet, das noch nicht in Kraft ist. Modi sagt, das letzte Jahr sei herausragend gewesen, der Deal habe viele Türen geöffnet. Beide würdigen einen Friedensschluss zwischen den Vereinigten Staaten und Iran, der am vergangenen Sonntag zustande gekommen war, und danken Präsident Trump für dessen Bemühungen. Ein gemeinsames Anliegen formulieren sie zur Straße von Hormuz: Sie solle ohne Maut und mit voller Navigationsfreiheit wieder geöffnet werden. Die Formulierung ist höflich, ihr Inhalt nicht. Seit Ende Februar tobt in Westasien ein Konflikt, der die Seewege verstopft und die Weltwirtschaft an ihren empfindlichen Knotenpunkten trifft; indische Seeleute, so wird Modi später sagen, haben dabei ihr Leben verloren.
Sheikh Mohamed bin Zayed Al Nahyan, Herrscher und Premierminister der Vereinigten Arabischen Emirate, erhält Modis Dank für die Fürsorge um die indische Diaspora in seinem Land. Die Emirate sind in den vergangenen Monaten wiederholt iranischen Angriffen ausgesetzt gewesen; im März wurde ein Inder getötet. Modi und MbZ hatten sich bereits im Mai getroffen, als Indien und die Emirate eine deutliche Erweiterung ihrer Sicherheits- und Verteidigungskooperation bekannt gaben. Der Kontext ist unausgesprochen, aber jedem im Raum präsent: das gegenseitige Verteidigungsabkommen zwischen Pakistan und Saudi-Arabien, das die Region neu sortiert hat.
Am Mittwoch die zweite Etappe. Die digitale Sphäre rückt ins Zentrum der G7-Gespräche – die Sicherheitsrisiken künstlicher Intelligenz und sozialer Medien stehen auf der Tagesordnung. Modi spricht vor den Sieben und weiteren Partnern über das, was er einen weltweiten Mangel an Vertrauen nennt. Erneut verweist er auf die Straße von Hormuz, auf indische Zivilisten, die dort ums Leben kamen. Am Rand hält er ein bilaterales Gespräch mit US-Präsident Donald Trump; im Mittelpunkt stehen ein bilaterales Handelsabkommen, Verteidigung, Energie und kritische Mineralien. Trump sagt später vor Journalisten, die Vereinigten Staaten würden Indien verteidigen, sollte es angegriffen werden – eine Äußerung, die in ihrer Bestimmtheit mehr ist als Höflichkeit.
Am Abend trifft Modi Wolodymyr Selenskyj. Die Ukraine sei ein Land, mit dem Indien sich in jüngster Zeit umfassend austausche, sagt Modi; die Handelsbeziehungen müssten auf das Niveau vor dem Krieg zurückgeführt werden. Indien, fügt er hinzu, werde „immer auf der Seite des Friedens stehen" und die Werte der Menschlichkeit über alles andere stellen. Eine Formel, die seit Monaten in indischen Erklärungen auftaucht; hier am Genfer See wiederholt sie sich, als sei sie Teil der diplomatischen Grundausstattung.
Was bleibt von diesen Tagen? Ein Premierminister, der zwischen Evian und der Welt pendelt, der mit jeder Hand, die er drückt, ein Stück Vertragstext verbindet – Uran aus Kanada, Handelszugang nach Großbritannien, Sicherheitsarchitektur mit den Emiraten, Rohstoffpartnerschaft mit Washington, ein vorsichtiges Wort an Kiew. Modi spricht von Vertrauen, das weltweit fehle. Das ist richtig. Aber was er in Evian vorgeführt hat, war weniger das Werben um Vertrauen als das geduldige Knüpfen neuer Fäden. Die Handschuhe, die bei solchen Begegnungen getragen werden, sind stets weiß. Man sieht die Hände, die sie füllen.