Wenn das Unterholz quittiert
Khanapur, Belagavi, Karnataka. Ein Mann geht in den Wald, und der Wald öffnet ein Konto.
Zwei Geschichten, derselbe Bezirk, dasselbe Forstamt, und in beiden Fällen ein Mann, der sein Vieh auf die Weide schickt wie sein Vater und dessen Vater — denn so funktioniert das hier, seit die Kolonialverwaltung das Land kartographierte und das Grün als Revenue Forest verbuchte, eine Erfindung der Bürokratie, die bis heute Zinsen trägt. Nur dass die Zinsen nicht mehr in Rupien berechnet werden, sondern in Wegstunden und Wunden.
Hemanna Madar ist fünfundsechzig Jahre alt. Am elften Juni betritt er den Hemmadga-Wald bei Khanapur, ein Waldstück, das auf keiner Landkarte der Touristen verzeichnet ist, sehr wohl aber auf jener der Forstbehörde, die hier ihre Hoheit über das Laub verwaltet. Madar weidet sein Vieh. Das Vieh kehrt am Abend nach Hause zurück. Der Hirte nicht. Die Familie alarmiert S. S. Nadaf, den zuständigen Range Forest Officer — ein Titel, der nach mehr klingt, als er bezahlt wird, und der in dieser Nacht dennoch sein Gewicht erhält. Nadaf informiert Basavaraj Walad, den Assistant Conservator of Forests, einen Mann, der in derselben Woche noch einen zweiten Namen auf einer Krankenliege wird lesen müssen.
Fünf Teams rücken in den Wald. Sie kommen von verschiedenen Punkten, dringen ins Unterholz vor, suchen zehn Stunden lang. Die Mechanik der Rettung ist alt und bewährt: ein Anruf, eine Befehlskette, eine Aufteilung in Suchtrupps, eine Ungewissheit, die nur die Nacht selbst überbietet. Am Morgen des zwölften Juni findet man Hemanna Madar. Er lebt. Er wird nach Hause gebracht. Die Familie dankt dem Forstamt. So steht es im Protokoll, und das Protokoll ist, das dürfen wir nicht vergessen, die höflichste Form der Abrechnung, die eine Behörde kennt.
Vierundzwanzig Stunden später, wenige Kilometer entfernt, im Dorf Huland, wiederholt sich die Choreographie mit verändertem Ende. Mahesh Gawade ist fünfundzwanzig, und am elften Juni geht auch er in den Wald, denn das Vieh muss geweidet werden, und der Wald ist nun einmal dort, wo er ist. Am Abend, als Gawade zurückkehren will, tritt ein Bär aus dem Gebüsch. Gawade versucht, auf einen Baum zu klettern. Der Bär folgt ihm. Der Bär beißt ihm ins Bein. Die Nachbarn hören die Schreie. Die Nachbarn tragen ihn in ein privates Krankenhaus nach Belagavi. Er wird genesen, sagt Basavaraj Walad, derselbe Mann, der am Vortag den alten Madar aus dem Wald holen ließ. „Wir untersuchen den Vorfall", sagt Walad, und man hört den Haken an der Satzklammer: Die Untersuchung ist das Gegenstück zur Rettung, die eine Geste, das andere ein Verfahren, und beide sind der Behörde gleichermaßen lieb.
Es lohnt sich, die beiden Fälle nebeneinander zu legen, nicht weil sie identisch wären — der eine endet mit Erschöpfung, der andere mit einer Wunde —, sondern weil sie dasselbe Verhältnis zwischen dem Menschen und dem Wald ausleuchten, ein Verhältnis, das von der Kolonialzeit an ein Vertragsverhältnis war, freilich einer, den keine Seite je wirklich unterzeichnet hat. Der Wald, in der Sprache der Forstbeamten, ist „Forest Department Land", eine Vokabel, die das Eigentum meint und die Pflicht verschweigt: die Pflicht nämlich, denjenigen, die täglich in dieses Land gehen, sei es zum Holen, sei es zum Weiden, wenigstens jene Mindestsicherheit zu garantieren, die ein moderner Rechtsstaat seinen Bürgern schuldet. Zwei Vorfälle in zwei Tagen, ausgelöst durch zwei Männer, die nichts anderes getan hatten als das, was sie täglich tun. Das ist die Rechnung, die das Unterholz präsentiert: nicht hoch, nicht theatralisch, nur konsequent.
Man könnte an dieser Stelle nach dem System fragen, nach den Zuständigkeiten, nach der Frage, warum in einem Distrikt, in dem Bären angreifen und Hirten verschwinden, nicht längst ein Rettungsdienst stationiert ist, der schneller ist als ein Telefon und fünf Teams. Aber man sollte diese Frage nicht zu laut stellen, nicht weil sie unberechtigt wäre, sondern weil ihre Antwort bereits im Protokoll steht. Der Wald macht keine Versprechen. Die Behörde, strenggenommen, auch nicht. Und die Männer gehen trotzdem hinein, weil das Vieh weiden muss und das Leben nun einmal so ist, wie es ist: ein Wald, der quittiert, und zwei Hände, die unterschreiben müssen, ohne den Vertrag je gelesen zu haben.