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Volle Zellen, leere Reihen — Waadt sucht Wärter auf Infoabenden

4. Juli 2026 — — — Ada Voss, auf Sendung

Genf und Waadt. Zweiundzwanzigtausend Quadratkilometer Demokratie, und ihre Gefängnisse platzen. Seit zehn Jahren verschärft sich der Druck. Jetzt reden Parlamentarier in Lausanne von „unmenschlichen und entwürdigenden Zuständen". Eine Schande für den Kanton, steht im Protokoll. Ich notiere das.

Die Geografieprofessorin Julie de Dardel formuliert es klarer als die meisten Politiker es wagen. Die Zellen sind nicht voll, weil die Baukünstler zu langsam waren. Sie sind voll, weil zu viele Leute eingesperrt werden. Eine einfache Rechnung, die keiner gerne aufschreibt. Hausgemacht, nennt sie das. Klingt nach Küche. Riecht nach verbranntem Brei.

Doch bauen wir keine Kathedralen. Wir bauen Personal. Denn ein leeres Haus bewacht sich nicht von selbst. Genau hier sitzt der Schmerz: akuter Personalmangel. Der Kanton Waadt geht einen anderen Weg. Keine Stellenanzeigen mehr — Infoabende. Wer durch die Gittermauern will, soll erst hören, wie es drinnen klingt.

Zwei Personalmanager. Mehrere Uniformierte. Stellvertretender Hauptaufseher. Leiter der Werkstatt für Grünflächen. Das klingt nach Truppeninspektion, ist aber Werbung. „Betreuen statt Bewachen" heißt das neue Versprechen. Begleitung auf dem Weg zurück in die Freiheit — so steht es auf den Plakaten, die sie den vierzig Leuten in Cossonay zeigen.

Vierzig Teilnehmer, etwa ein Viertel davon Frauen. Eine vierundzwanzigjährige Coiffeuse. Ein dreiundvierzigjähriger Sportler. Eine langjährige Kita-Mitarbeiterin, die den Wechsel wagt. Letztere bringt Erfahrung mit, die kein standardisiertes Auswahlverfahren misst. Kinderbetreuerinnen sind im Strafvollzug selten, aber sie können zuhören. Vielleicht genau das, was fehlt.

Fatih Yaman, Personalberater beim Strafvollzugsdienst, spricht von einer „echten Herausforderung bei der Personalrekrutierung". Bürokratendeutsch für: wir finden niemanden, der diesen Job machen will. Wer will auch. Schichtdienst, schwierige Insassen, ein Gehalt, das nicht für Risiko bezahlt. Heute konkurriert die Anstalt mit dem Großraumbüro um dieselben Leute.

Dann Jacques. Fünfundvierzig, Aufseher in der Justizvollzugsanstalt Plaine de l'Orbe, seit zwölf Jahren im Geschäft. Er stellt das dreijährige Ausbildungsprogramm für Justizvollzugsbeamte vor. Drei Jahre. Länger als ein Lehrgang zum Elektriker, gleich lang wie mancher Hochschulabschluss. Man darf fragen: Was lernt man in drei Jahren, das man nicht in einem lernt? Antwort: wie man Gewalt aushält, ohne selbst gewalttätig zu werden. Wie man Verwaltung spricht und trotzdem Mensch bleibt. Wie man Insassen als Fälle behandelt und doch als Fälle, die ein Gesicht haben.

Jacques sagt, die Arbeit sei anspruchsvoller geworden. Die Insassen, die er vor zwölf Jahren betreute, sind nicht dieselben wie heute. Mehr psychische Erkrankungen. Mehr Sucht. Mehr Sprachen. Mehr zerbrochene Biografien. Der Aufseher von einst bewachte Diebe und Schmuggler. Sein Werkzeug war die Peitsche. Heute ist das Werkzeug das Gespräch. Das ist schwerer. Das ist auch besser.

Infoabende statt Inserate — kein Zufall. Eine Zeitungsseite erreicht die Falschen oder niemanden. Ein Abend in Cossonay mit vierzig Stühlen und vierzig Zuhörern kostet weniger und filtert gleichzeitig: Wer abends hingeht, meint es ernst. Wer die drei Jahre durchhält, hat verstanden.

Vierzig Teilnehmer in Cossonay. Wenn zehn davon die Ausbildung beginnen und fünf durchhalten, hat der Kanton fünf neue Wärter. Bei einem Bedarf in dreistelligen Zahlen ist das ein Tropfen. Aber Tropfen füllen Seen — oder verdunsten.

Die alte Frage bleibt: Was machen wir mit den Leuten, die wir einsperren? Einsperren ist billig. Bauen ist teuer. Ausbildung ist teuer. Begleitung ist sehr teuer. Wer den Weg zurück in die Freiheit nicht bezahlt, zahlt später die zweite Tat, die dritte, die zwanzigste. Hier schweigt die Rechnung. Hier schweigen die Kantonsräte.

Mein Bleistift kratzt. Der Kaffee ist kalt. Die Drähte summen weiter.

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