Pilotprojekt im Südlibanon — Verhandeln, während Tyre aufräumt
Die Waffen schweigen seit dem 21. Juni. Längste Pause im Süden des Libanon seit Monaten. In Washington sitzen Delegationen aus Beirut und Jerusalem am Tisch, dazwischen amerikanische Vermittler. Sie verhandeln über Pilotgebiete — „pilot areas" in den Agenturdepeschen — Landstreifen, die israelische Truppen räumen und an die libanesische Armee übergeben sollen.
Die Frequenz ist eindeutig: Israelische Soldaten stehen tief im Südlibanon. Die Invasion folgte auf Hisbollah-Raketen am 2. März, abgefeuert auf Israel, im Namen Teherans, nach den US-israelischen Angriffen auf den Iran. Der Konflikt verschlang die Küstenstadt Tyre.
Was mich interessiert, ist zuerst die Hardware vor Ort. Aus Tyre meldet die Stadtverwaltung: rund 60 Tote, 26 zerstörte Gebäude, etwa 1000 beschädigte Wohnungen. Zehntausende Bewohner flohen, als das israelische Militär im Juni die Evakuierung der gesamten Stadt anordnete. Seit dem US-Iran-Abkommen vergangene Woche und dem Waffenstillstand am Wochenende sind mehr als zwei Drittel der Geflüchteten zurückgekehrt.
Bassam Khalil ist 45, fährt Bagger und Bulldozer. Er gehört zu denen, die gebraucht werden. Schutt von Straßen räumen, Trümmer beiseite schieben, wo einmal mehrstöckige Wohnblocks standen, im Mai von einem israelischen Angriff zertrümmert. Die Leute, sagt er, klettern in die Ruinen, suchen ihre Sachen. Dann merken sie, dass nichts mehr da ist.
Hussein Hassan, 40, Barbier. Diese Woche zurück in seinem Laden. Eine Wand hat Risse, die Glasfassade fehlt. „Wir lieben das Leben und die Arbeit", sagt er. „Wir schütteln den Staub ab und stehen wieder auf wie der Phönix. Selbst wenn es ein Dutzend Kriege gibt, kommen wir unter dem Schutt hervor und machen weiter." Aus Erfahrung, sagt er, vertraue er der Ruhe nicht.
Die Ruhe ist Verhandlungsmasse. Die Gespräche in Washington begannen am 23. Juni und sollen bis zum 25. Juni laufen. Israelische Offizielle erklären: Die libanesischen Soldaten in den Pilotgebieten sollen von den USA ausgebildet und überprüft werden — auf Verbindungen zur Hisbollah. Israel wolle parallel eine Pufferzone entlang der Grenze behalten. Ein hochrangiger libanesischer Sicherheitsbeamter bestätigt laufende Diskussionen; militärische Konsultationen zu den Pilotzonen seien für den 24. Juni angesetzt, ein Zeitplan für einen möglichen Rückzug stehe im Mittelpunkt. Libanons Präsident Joseph Aoun sagte einer britisch-deutschen Delegation, die Pilotgebiete würden verhandelt und warteten auf israelische Zustimmung.
Dann die Gegenfrequenz. Israels Verteidigungsminister Israel Katz erklärte am 24. Juni in Tel Aviv, vor lokalen Politikern, Washington habe gar nicht gefordert, dass Israel seine Truppen aus dem Südlibanon abziehe — anders als es aus dem Iran zu hören war. „Wir haben klargemacht, dass wir uns unter keinen Umständen zurückziehen", sagte Katz. „Das ist ein diplomatischer Erfolg: Es gibt keine amerikanische Forderung nach einem Rückzug aus dem Libanon." Er habe diese Position an US-Verteidigungsminister Pete Hegseth übermittelt. Premierminister Benjamin Netanjahu habe US-Präsident Donald Trump erklärt, die israelischen Streitkräfte blieben im Südlibanon, „zum Schutz der Bewohner des Nordens".
Netanjahu hatte zuvor angekündigt, Israel werde so lange im Libanon bleiben wie nötig. Katz hatte am selben Tag gesagt, Israel werde sich auch dann nicht zurückziehen, wenn Washington es fordere.
Zwei Frequenzen, ein und derselbe Sender. Washington sagt: Wir verhandeln über Pilotprojekte, Ausbildung, Überprüfung. Tel Aviv sagt: Wir gehen nicht. Beirut sagt: Wir warten auf Zustimmung zu Pilotgebieten, die wir noch nicht haben.
Tyre räumt derweil den Schutt. Khalil baggert, Hassan schneidet Haare hinter einer geborstenen Fassade. Die Verhandlungen in Washington laufen bis zum 25. Juni. Ob aus dem Pilotprojekt ein Abkommen wird, ist offen — die Frequenzen aus Tel Aviv und Beirut senden weiter gegeneinander.
Ada Voss, Terminal Tribune