Drohnen ohne Bodenstation: Moskaus Luftoffensive verliert ihr Rückgrat
Moskau, 24. Juni 2026. Die Drähte, die ich höre, sind nicht aus Kupfer. Sie sind Funk, sie sind Mikrowellen, und sie sind dieser Tage auffallend still.
Zwei Meldungen, die zusammengehören wie Sender und Empfänger: Die größte Ölraffinerie Moskaus in Kapotnja steht seit Drohnentreffern vom 16. und 18. Juni still — beide primären Verarbeitungseinheiten ausgefallen, Reparatur mindestens ein halbes Jahr, Wiederinbetriebnahme frühestens Ende 2026. Und an der belarusisch-ukrainischen Grenze sind am 22. Juni Relaisstationen ausgefallen, die russische Langstreckendrohnen über Hunderte Kilometer mit Videosignal versorgten.
Für den Uneingeweihten klingt das nach zwei getrennten Geschichten. Für den, der die Frequenzen liest, ist es eine einzige.
Was ist eine Relaisstation in einem Drohnennetz? Keine Magie, sondern Repeater-Technik — so alt wie der Funkverkehr selbst. Die Russen nutzen, so berichtet es die ukrainische Seite, ein vermaschtes Netz für ihre Drohnen vom Typ „Geran" und „Gerbera". Jede Drohne trägt eine Kamera, einen Modem, und kann als fliegende Relaisstation für andere Drohnen dienen. Das ist elegante Kriegstechnik: keine zentrale Antenne, die leicht zu zerstören wäre, sondern ein Schwarm, der sich selbst trägt.
Aber — und hier liegt der Haken, den jeder Funker kennt — das Primärsignal kommt von Bodenantennen. Ohne diese Bodenstationen ist das Netz zwar intern noch verbunden, aber operativ blind. Die Drohnen sehen weiter, funken untereinander, haben aber keine stabile Anbindung an ihre Steuerung. Reichweite bricht ein, Koordination wird zum Glücksspiel.
Die Ukraine glaubt seit Langem, dass diese Bodenstationen für den Raum Kiew auf belarusischem Territorium stehen. Am 19. Juni stellte Wolodymyr Selenskyj dem belarusischen Machthaber Alexander Lukaschenko ein Ultimatum: eine Woche Frist, danach würden die Ukrainer die Anlagen selbst ausschalten. Drei Tage später, am 22. Juni, sind die Relaisstationen dunkel. Ob sie physisch demontiert oder nur abgeschaltet wurden, ist unbekannt.
Der ukrainische Grenzschutz registriert seither weniger russische Angriffsdrohnen über dem Raum Tschernihiw, weniger Massentransits entlang der Grenze. Das ist kein Bauchgefühl, das ist Signalspur: messbar, dokumentiert, wiederholbar.
Technisch bedeutet das: Die Drohnen fliegen vermutlich weiter. Aber sie fliegen weniger koordiniert, mit geringerer Reichweite, mit höherer Ausfallrate. Das vermaschte Netz degradiert vom präzisen Werkzeug zum launischen Streichinstrument.
Während die Relaisstationen schweigen, trifft es die andere Seite hart. Die Raffinerie in Kapotnja — eine der größten Russlands, Hauptlieferant für Moskau und das Moskauer Gebiet — fällt nicht durch Bomber, sondern durch zwei präzise Drohnenschläge im Abstand von 48 Stunden. Erst die eine Primäreinheit, dann die andere. Das ist Schnitttechnik, nicht Zufallstreffer. Sechs Monate Stillstand mindestens. Das ist kein Ausfall. Das ist eine Wunde.
Am Rand dieser Depesche, weil sie an den Rand gehören, den die großen Strategien gerne übersehen: drei Tote bei einem Drohnenschlag in Horliwka, Donezker Gebiet, russisch kontrolliertes Territorium. Eine mehrgeschossige Wohnung getroffen. Es sind Mieter, keine Kommandostände. Die Anwohner zahlen den Preis für Geopolitik, die in Relaisstationen und Raffineriekolonnen gedacht wird.
Mein Katalog der üblichen Fragen: Wer kontrolliert das? Diesmal doppelt — Kyiv kontrolliert die eine Geschichte, Minsk die andere, Moskau die dritte. Wer profitiert? Die ukrainische Luftverteidigung, die billiger fliegt als Russland seine Abfangjäger startet. Wer zahlt? Die Moskauer Tankstellenkunden, die in sechs Monaten weniger Sprit haben. Die Hausbewohner in Horliwka, die heute weniger Nachbarn haben.
Die Frequenz ist klar. Ich notiere sie, bis die nächste Störung kommt.