Zahlenkolonne statt Frontbericht: Fünf Milliarden fehlen
London, Juli 1937 im Kopf, Juli 2026 auf der Uhr. Die Drähte summen, und was sie tragen, ist weniger Munition als Buchführung. Verteidigung als Buchführung. Das ist die Geschichte.
Andy Burnham, Bürgermeister von Manchester, hat ein Erbe angetreten, das niemand in der Schublade haben will: ein Fünf-Milliarden-Pfund-Loch im neuen Verteidigungsplan. So berichtet es die Daily Mail. Premier Keir Starmer und Schatzkanzlerin Rachel Reeves hätten den Posten verlassen, einander versichert, wie tadellos sie waren, und den Schwarzen Peter weitergereicht. Demob happy nennt das die Zeitung. Demobilisierung mit Applaus.
Ich höre genauer hin. Denn das entscheidende Geräusch ist nicht das patriotische Pathos, sondern das Rascheln der Zahlen. Full Fact, das londoner Faktenprüfbüro, hat sich hingesetzt und nachgerechnet. Das Ergebnis: Die vielzitierte Summe von 270 Milliarden Pfund ist kein Aufschlag. Es ist schlicht das Gesamtbudget des Verteidigungsministeriums für die Jahre 2025/26 bis 2028/29. Rund 272,2 Milliarden, aufaddiert aus den Einzelansätzen der Spending Review. Wer das als Mehrausgabe verkauft, verkauft den alten Bestand als neu.
Dann, am 30. Juni 2026, kündigte Starmer zusätzliche 15 Milliarden Pfund über vier Jahre an, bis 2029/30. Davon sind 11 Milliarden die echte Erhöhung zwischen 2026/27 und 2028/29. Eine Aufstockung, ja. Eine Revolution, nein. Die Pressekonferenz klang größer als das Konstrukt, das sie trägt.
Wer kontrolliert das? Wer zahlt den Preis? Zwei Fragen, die ich mir notiere, bevor der Bleistift müde wird. Die Kontrolle liegt in Whitehall, bei einem Schatzkanzleramt, das gleichzeitig die Nato-Quote bedienen muss. Den Preis zahlen die Kassen, in die alle einzahlen. Das Office for Budget Responsibility, der Haushaltshüter, hat bereits gewarnt: 50 Millionen Briten, einschließlich der Geringverdiener, könnten am Ende mit 40 Prozent besteuert werden. Die Zahl steht in derselben Woche in der Zeitung wie das Bekenntnis zu fünf Prozent des Bruttoinlandsprodukts für Verteidigung. Drei Komma fünf Prozent für Soldaten und Waffen, eineinhalb für Cybersicherheit und ähnliches. So beschlossen auf dem Nato-Gipfel im Haag 2025.
Nun zur Frequenz, die andere überhören. Der nächste Nato-Gipfel sollte 2027 in Tirana stattfinden. Steht im Kommuniqué von 2025. Steht nicht mehr im aktuellen Entwurf für das Treffen in Ankara in der kommenden Woche. Die Nachrichtenagentur Reuters hat ihn gelesen. Die USA unter Präsident Donald Trump wollen Albanien nicht. Der Grund ist nicht Höflichkeit, sondern Arithmetik: Albaniens Verteidigungsausgaben sind so niedrig, dass Trump wütend werden könnte, und wütende Schlagzeilen will Brüssel vermeiden. Ein albanischer Regierungssprecher sagt: Entwürfe sind Entwürfe, keine Entscheidungen. Das Weiße Haus schweigt. Die Nato schweigt.
Brüssel erwägt zudem, die jährlichen Gipfel ganz abzuschaffen. Zu riskant, zu Trump. Der Nato-Generalsekretär Mark Rutte sagt, fast alle Alliierten lägen bei zwei Prozent. Fast. Wer nicht ganz oben steht, fliegt ungern nach Ankara und erst recht nicht nach Tirana.
Zurück nach Whitehall. Burnham sitzt vor dem Fünf-Milliarden-Loch und vor einer Rechnung, deren Zutaten Starmer und Reeves in der Pressekonferenz als Erfolge verkauft haben. Wer am Ende welche Zahl bezahlt, ist offen. Die Maschine läuft. Die Drähte summen weiter.
Mein Büro riecht nach Lötzinn und kaltem Kaffee, und der Bleistift liegt noch auf dem Manuskript. Mehr habe ich heute nicht zu sagen.