Chakwal: Dreißig Sekunden, vier Kugeln, ein Kind
Es gibt Zahlen, die sich einprägen, weil sie das Maß des Möglichen sprengen. Neun Jahre. Hania Ahmed war neun Jahre alt, als sie starb, geboren in Kewdale, einem Vorort von Perth in Westaustralien, gestorben in Chakwal, einer Kleinstadt in der pakistanischen Provinz Punjab, auf der Rückreise von der Haddsch, der Pilgerfahrt nach Mekka, im gemieteten Wagen ihrer Familie, beschossen von jenen, die das Gesetz verkörpern sollen.
Die Familie Ahmed war am späten Mittwochabend zu Besuch bei Ali Ejaz, dem Großonkel der Kinder, als zwei Räuber auf einem Motorrad sie vor dessen Haus in Chakwal stellten. Sie forderten Bargeld, Schmuck und andere Wertgegenstände. Hania, ihr älterer Bruder Aafan, elf Jahre, und die Eltern gaben, was sie hatten. "Don't harm my family", sagten sie, wie Ejaz später der Presse schilderte. Dreißig Sekunden, vielleicht weniger, vergingen. Es ist die übliche Spanne, in der das Ungeheuerliche Platz findet.
Dann erschienen sie, die Männer mit den Maschinengewehren. Das Crime Control Department der Polizei von Punjab, erst kürzlich gebildet, eine neue Einheit, deren Name wie eine Verheißung klingt und deren Wirkung in dieser Nacht das Gegenteil jeder Verheißung war. Sie kamen aus einer nahegelegenen Wache, eröffneten das Feuer, nicht auf die Räuber allein, sondern auf das fliehende Auto der Familie und auf die Täter, in einer Salve, die nicht zu trennen vermochte, was zu trennen gewesen wäre: Bedrohung und Unschuld. Die Maschine kannte die Kategorien nicht, die sie hätte kennen müssen.
Ein Augenzeuge, der aus etwa zwanzig Metern Entfernung zusah und seinen Namen nicht in der Zeitung lesen wollte, berichtete: "Ich konnte sehen, wie der Wagen beschleunigte und der Polizist direkt auf den Wagen feuerte." Danach, so der Augenzeuge, stoppten zwei Beamte des CCD ein vorbeifahrendes Motorrad, setzten sich darauf und verfolgten, gefolgt von drei oder vier weiteren Polizisten in einem Wagen, das Auto der Familie. So geht das also, wenn die Ordnungsmacht die Ordnung sucht. Sie findet zuerst die Falschen, und die Falschen sind diesmal ein Kind im Fond, das nach Hause wollte.
Hania wurde von vier Kugeln getroffen. Sie starb, bevor das Krankenhaus sie erreichte. Ihr Vater Adeel, neununddreißig Jahre alt, wurde zweimal getroffen, nach Angaben des CCD-Chefs Sohail Zafar Chatta nicht schwer verletzt. Der Bruder Aafan erlitt schwere Verletzungen. Die Mutter blieb, man staunt, unverletzt. In den sozialen Netzwerken verbreiteten sich Bilder des Wagens, Dutzende Einschusslöcher im Blech, Blut auf den Sitzen, das stille Archiv eines Irrtums, den niemand zurücknehmen kann. Wer die Bilder sieht, versteht, was Sätze wie "discharged his weapon" höflich verschweigen.
Die offizielle Lesart folgte dem vertrauten Muster. Ein Beamter habe "irrtümlich angenommen, dass die Verdächtigen versuchten, mit dem Fahrzeug der Opfer zu fliehen, und habe seine Waffe abgefeuert", teilte die Polizei von Punjab am Montag mit. Der Schütze wurde vom Dienst suspendiert, festgenommen und einem Richter vorgeführt. Das ist, in der Sprache der Behörden, der erste Akt. Der zweite Akt bleibt abzuwarten, in einem Rechtssystem, in dem solche Akte sich häufen, und der dritte erst recht.
Großonkel Ejaz sprach von einer Familie, die "zerschmettert" sei. Der Vater des Mädchens forderte Gerechtigkeit und eine Eindämmung des Schadens, den jene neu geschaffene Einheit anrichtet, deren Name Programm sein sollte und es nicht war. Asim Chaudhry, Generalsekretär der Pakistani Association of Western Australia, sagte dem Sender Nine News, die Nachricht sei "sehr schockierend, besonders der Tod des neunjährigen Mädchens". Sie seien gerade von der Pilgerfahrt zurückgekommen. Die Pilgerfahrt, das ist jener Weg, den Gläubige unternehmen, um die Reinheit zu suchen, und manchmal kehren sie nicht zurück, nicht weil der Weg zu lang war, sondern weil jemand schlecht zielte. Man schreibt diese Sätze, und man weiß, dass sie in den Archiven verschwinden werden, neben den anderen.
Das australische Außenministerium, das Department of Foreign Affairs and Trade, bestätigte, man leiste konsularische Hilfe für die Familie der Getöteten und für die zwei Verletzten. "Wir sprechen der Familie unser tiefstes Beileid in dieser schwierigen Zeit aus", sagte ein Sprecher. So klingt die Sprache, wenn Diplomatie das Humane verwaltet. Sie ist korrekt. Sie ist kalt. Sie bewahrt die Form, während die Substanz längst auf dem Asphalt von Chakwal liegt.
Hania und ihre Familie sollten am Montag nach Australien zurückkehren. Stattdessen wird ein Kind in einem Sarg heimkehren, in ein Land, das sie kannte, in einen Vorort, der sie vermisst. Man darf sich fragen, was eine neue Polizeieinheit, ausgestattet mit schweren Waffen, in einer Kleinstadt um Mitternacht zu suchen hatte, wenn nicht die Gelegenheit, das Falsche zu treffen. Die Mechanik ist bekannt, der Name ist es auch, und er ändert nichts. Vier Kugeln in einem Kinderkörper, ein suspendierter Beamter, ein Gerichtsverfahren, eine Erklärung. Die Welt dreht sich weiter. Kewdale wird warten müssen.