Im Vorgarten von Makerfield
Es gibt Wahlkreise, da rechnet sich der Ausgang an der Vorgartendeko ab. In Makerfield, diesem Winkel der einstigen Roten Mauer zwischen Wigan und dem Vergessen, wehen Flaggen — nicht, wie anderswo, an Laternenpfählen, sondern an Stangen, die stolz im eigenen Rasen verankert sind. Das ist, so will es die Lesart der Hauptstädte, ein durchgefärbt türkiser Wahlkreis. Hier, wo Reform bei den Kommunalwahlen reihenweise aufräumte, wo die Wut auf Labour und seinen Premier greifbar hing, sollte am Donnerstag der nächste Streich folgen.
Dan Hodges, der für die Daily Mail die Fäden zieht, kam vor gut drei Wochen in diese Gegend. Er kennt das Spiel. Die These lag auf dem Papier, und das Papier war schwer: Diese Nachwahl ist Reforms Nachwahl. Wer hier verliert, verliert den Aufstieg.
Dann lernt er Ray kennen.
Ray, Elektromeister im Ruhestand, ist auf den ersten Blick genau der Wähler, den die Parteistrategen von Reform in jede Zielgruppentabelle schreiben würden. Er spricht über Henry Nowak, einen jungen Mann, dessen Messer nach englischem Recht legal war und dessen Tod es trotzdem nicht hätte sein dürfen. „Wenn Leute hierher kommen, sollen sie sich an unsere Regeln halten", sagt er mit der präzisen Empörung eines Mannes, der sich an etwas erinnert fühlt, das er nicht mehr besitzt. „Ständig müssen wir uns verbiegen für sie." Er ist wütend auf Starmer, wütend auf Labour, wütend auf eine Regierung, die „die Leute hier im Stich gelassen hat". Soweit das Klischee. Soweit das Skript, das Hodges im Kopf hatte.
Auf die Frage, wen er am Donnerstag wähle, sagt Ray: „Oh, Andy Burnham."
Hodges macht das, was Reporter in solchen Momenten tun: er blickt kurz auf sein Notizbuch, dann wieder auf Ray, und formuliert die Frage behutsam noch einmal. Schließlich war doch eben noch von Farage die Rede. Burnham — Labour? Ray schüttelt den Kopf. Er finde, Farage habe sich auf die Angriffe in Southampton und Belfast „gestürzt". „Gefiel mir nicht."
So also kommt man nach Makerfield. Mit drei Wochen Recherche im Gepäck, mit einer These, die im Hauptstadtjournal festgemeißelt schien, und mit einem Rentner, der einem in der Tür seines Bungalows ruhig erklärt, weshalb die Rechnung nicht aufgeht.
Auf Upshaw Drive, wo die Häuser in gepflegter Reihe stehen und die SUVs vom Gartenschlauch gewaschen werden, geht Hodges weiter. Paul, ein Bauhandwerker, gerade zurück aus Blackburn, ist nicht weniger zornig auf Labour als sein Nachbar. Auch er hält nichts von Burnham — „Wir hatten einen Abgeordneten, der hat das nur für sich selbst gemacht", sagt er knapp und ohne den Namen zu nennen, weil er nicht muss. Auf die Frage, wen er wähle, sagt Paul: „Oh, ich habe schon gewählt. Konservative."
In einem Wahlkreis, der angeblich zwischen Labour und Reform ausgehandelt wird, eine Aussage wie ein Stoß in den Solarplexus. Hodges notiert sie. Paul zuckt die Schultern: „Ich wähle doch kein Labour. Und Reform? Da sitzen doch jetzt lauter alte Tories drin. Dann bleibe ich lieber beim Original."
Man kann das als Spinnerei abtun. Hodges tut es nicht. Die Zahlen, die er aus dem Wahlkreis mitbringt, erzählen eine andere Geschichte. Die Umfragen. Die Canvass-Ergebnisse an den Türen. Eine unverhältnismäßig hohe Zahl an Briefwahlanträgen und eine überproportionale Rate an Rücksendungen. Alles weist in dieselbe Richtung: die türkise Welle, die hier alles hätte fortreißen sollen, scheint zu brechen.
Was Hodges in Makerfield vorfindet, ist nicht der Triumph einer anderen Partei, sondern die überraschende Sortierung der Enttäuschung. Die Wählerinnen und Wähler, die Labour 2019 davongejagt wurden, haben ihre Wut nicht eingestellt. Sie haben sie nur katalogisiert. Burnham, der Mann aus Salford, der Bürgermeister Greater Manchesters, ist für Ray ein Versprechen auf jemanden, der weiß, wie es „hier" aussieht. Für Paul ist Reform eine getarnte Übernahme der Konservativen, und Konservative sind wenigstens ehrlich in ihrer Marke.
Hodges notiert beides mit der Disziplin des Mannes, der bezahlt wird fürs Sehen, nicht fürs Wundern. Die Angriffe in Southampton und Belfast — er verschweigt sie nicht, er nennt sie beim Namen, auch wenn viele vor Ort finden, Farage habe sich „zu früh draufgestürzt". Es ist ein Wort, das Hodges benutzt wie der Schneider die Nadel: knapp, sichtbar, sitzend.
Was bleibt am Ende dieser Woche? Eine Nachwahl, die niemand so vorhergesagt hat — weder der Sieger noch die Verlierer. Eine konservative Stimme, die plötzlich wieder zählt in einem Landstrich, der sich selbst für verloren glaubte. Eine Labour-Partei, die über ihren Bürgermeister zurückfindet in Orte, die sie längst abgeschrieben hatte. Und ein Nigel Farage, dem möglicherweise eine blutige Nase droht, nicht weil seine Themen falsch wären, sondern weil er zu früh aufgesprungen ist, zu sichtbar, zu billig.
In den Vorgärten von Makerfield wehen weiter Flaggen. Wer am Donnerstag gewinnt, ist eine andere Frage.