Ankara räumt die Bühne, bevor das Spiel beginnt
In Ankara schreibt man dieser Tage keine Drehbücher, man sortiert sie aus. Am Morgen des 23. Juni 2026 öffneten die Türen der türkischen Hauptstadt nicht für die Sonne, sondern für die Antiterroreinheiten der Polizei, die in koordinierten Razzien 209 Menschen festnahmen — auf Grundlage von 241 zuvor ausgestellten Haftbefehlen. 185 von ihnen stehen im Verdacht, linksextremistischen Organisationen anzugehören, darunter der Revolutionären Volksbefreiungspartei-Front (DHKP-C), die in der Vergangenheit Anschläge verübt hat und von Ankara als Terrororganisation eingestuft wird. 56 sollen Verbindungen zum sogenannten Islamischen Staat haben.
Unter den Festgenommenen, so berichten es die Anwaltsvereinigung CHD und die Plattform MLSA, befinden sich ein Journalist, drei Rechtsanwälte, ein Wirtschaftswissenschaftler der Universität Ankara und ein Gewerkschafter. Yildiz Tar, Chefredakteur der LGBTQ-Zeitschrift Kaos GL, wurde nach Angaben der Organisation Reporter ohne Grenzen festgenommen. RSF-Repräsentant Erol Onderoglu bezeichnete die Inhaftierung als "inakzeptabel" und forderte die Freilassung Tars; ein Gipfel rechtfertige keine "willkürliche" Festnahme aus Sicherheitsgründen. Es lohnt sich, dieses Wort zu notieren.
Zwei Wochen vor dem Nato-Gipfel, der am 7. und 8. Juli in Ankara stattfinden soll, hat die Regierung ein Demonstrationsverbot verhängt, das am 28. Juni in Kraft tritt und bis zum Ende des Treffens gelten wird. "Zur Gewährleistung der Gipfelsicherheit und der Aufrechterhaltung der öffentlichen Ordnung", wie es aus dem Büro des Gouverneurs heißt. Eine Formulierung, die in keinem Protokoll fehlen darf, wenn ein Staat beabsichtigt, seine Straßen für die Dauer eines internationalen Großereignisses in eine Bühne zu verwandeln, auf der nur auftreten darf, wer eingeladen ist. 32 Mitgliedstaaten werden erwartet, darunter US-Präsident Donald Trump.
Die Verhaftungswelle, so betonen die Behörden, richte sich gegen mehrere Gruppen im Rahmen "umfassenderer Sicherheitsmaßnahmen". Sie folgt einer Reihe ähnlicher Operationen — im Dezember 2025 waren nach Angaben türkischer Stellen 125 mutmaßliche IS-Mitglieder festgenommen worden. Im Mai 2026 hatte Trump Luftschläge im Nordosten Nigerias autorisiert, die nach Angaben des Pentagon den zweithöchsten IS-Führer Abu-Bilal al-Minuki töteten. "Er wird die Menschen in Afrika nicht länger terrorisieren", schrieb der Präsident damals auf Truth Social. Man darf sich diese Sätze merken wie Visitenkarten, die man in den Taschen anderer Leute findet.
Während in Ankara sortiert wird, wird in Washington verhandelt. Die Trump-Administration plant, noch vor dem Gipfel den Verkauf von Dutzenden Düsentriebwerken des Herstellers General Electric an die Türkei voranzutreiben — ein Paket im Wert von mehr als 700 Millionen Dollar. Die Triebwerke sollen das erste türkische Kampfflugzeug KAAN antreiben, ein Projekt, das 2016 im Bestreben Ankaras nach größerer verteidigungspolitischer Eigenständigkeit gestartet wurde. Auf die Frage nach den Triebwerken, dem F-35-Programm und seinen Plänen für Ankara antwortete Trump am Mittwoch knapp: "Ich werde wahrscheinlich etwas tun, das sie sehr glücklich machen wird." Ein Satz wie eine verschlossene Tür, hinter der Licht brennt.
Die Beziehung zwischen Washington und Ankara ist warm, so warm, wie sie es unter Trump sein kann, der den türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan regelmäßig lobt. Doch unter der Oberfläche schwelt ein alter Streit: die russischen S-400-Luftabwehrsysteme, die Ankara erwarb und die Washington als Bedrohung für westliche Rüstungstechnologie einstuft. Die Folge war der Ausschluss der Türkei aus dem F-35-Programm und Sanktionen. Das türkische Außenministerium lehnte eine Stellungnahme ab. Auch das ist eine Sprache.
Der Triebwerksverkauf, so analysiert Gonul Tol, Direktorin des Türkei-Programms am Middle East Institute in Washington, sei zwar willkommen, aber "die am leichtesten zu pflückende Frucht" für eine US-Regierung, die Ankara weitreichendere Versprechen gemacht habe — einschließlich einer möglichen Rückkehr in das F-35-Programm. "Die eigentliche Prüfung", so Tol, "liegt dort." Man darf diese Worte lesen, wie man einen Vertrag liest: langsam, mit dem Finger auf dem Papier. Der US-Botschafter in der Türkei, Tom Barrack, hatte im Dezember erklärt, die Gespräche über das F-35-Thema seien "die fruchtbarsten, die wir seit fast einem Jahrzehnt geführt haben".
Ob daraus Früchte werden, die auch amerikanische Kongressabgeordnete zu schlucken bereit sind, wird sich zeigen müssen. Einige haben bereits Einwände gegen das Triebwerksgeschäft erhoben. In Ankara indes werden Listen abgearbeitet, Termine sortiert, Tische gedeckt. Die Welt spielt Schach, man kennt die Züge. Und manchmal hilft es, Handschuhe zu tragen.