Zurückhaltung, zehnmal härter
In Ankara sprach ein US-Präsident von der Rückkehr zur Waffenruhe, in Washington hatten in der Nacht zum Mittwoch Flugzeuge mehr als 80 iranische Ziele rund um die Straße von Hormus getroffen, und in Islamabad forderte ein Außenministerium alle Seiten auf, sich an seine Vereinbarung zu halten. Drei Sätze aus drei Hauptstädten, eine Stunde, eine Welt. Sie klaffen auseinander, wie es Dokumente tun, wenn Männer sie unterschreiben, ohne sie zu meinen.
Donald Trump sagte am Mittwoch im Anschluss an den NATO-Gipfel in Ankara: „Ich glaube, das wird sehr schnell gehen. Ich glaube nicht, dass es wieder losgehen wird." Er sprach damit über den seit Ende Februar andauernden Irankrieg, der, obwohl mit einer Waffenruhe versehen, zwischen Dienstag und Mittwoch in eine seiner neuen heißen Phasen trat. Die US-Armee begründete die Angriffswelle mit dem Beschuss dreier Tanker im Bereich der Straße von Hormus, für den Washington die iranische Regierung verantwortlich macht. Die Antwort folgte demselben Mechanismus, den der Präsident selbst in die einfachste Sprache der Welt übersetzte: „Sie haben ein paar unserer Schiffe getroffen, also haben wir sie viel härter zurückgeschlagen. Wenn sie zuschlagen, schlagen wir zehnmal härter zurück."
Die Mechanik ist bekannt. Sie ist es seit langem. Eine Handlung, eine Reaktion, eine Überreaktion, eine Waffenstillstandserklärung, eine Provokation. Dazwischen liegen Telegramme, Memoranden, Telefongespräche, die den jeweils nützlichen Protokollen als Anlage dienen. Was sich geändert hat, ist die Geschwindigkeit, mit der die Schritte aufeinander folgen, und die Sorglosigkeit, mit der über sie gesprochen wird.
Iranische Staatsmedien meldeten am Mittwoch, bei den Angriffen im Süden des Landes seien acht Militärs getötet worden, Angehörige der Luftwaffe und der Marine, in Bandar Abbas und Buschehr. Acht Namen, die in keiner der Erklärungen einer Hauptstadt auftauchen werden, in der das Geschehen als Abfolge strategischer Notwendigkeiten erzählt wird. Sie treten auf als Quersumme, als Posten in einer Bilanz, die irgendwo verbucht und an die sich später, in Memoiren, niemand mehr erinnert.
Pakistan, das im Juni das sogenannte Islamabad-Memorandum of Understanding zwischen Washington und Teheran vermittelt hatte, trat am Mittwochabend mit einer Erklärung vor die Öffentlichkeit, die das diplomatische Lexikon mit jener Leidenschaft ausschöpfte, mit der es in solchen Momenten ausgeschöpft wird. „Pakistan fordert alle Seiten nachdrücklich auf, ihre jeweiligen Verpflichtungen aus dem Islamabad-Memorandum of Understanding einzuhalten", hieß es aus dem Außenministerium. „Alle Parteien", so die ergänzende Floskel, würden „zur Zurückhaltung" aufgerufen. Ein Abkommen, das nach einem halben Jahr eingefordert werden muss, ist keines mehr. Es ist ein Vorschlag.
Am selben Tag erklärte Trump in Ankara, er rechne mit einem Abzug israelischer Truppen aus dem Südlibanon. Er habe den Eindruck, dass Israel diesen Schritt gehen wolle. Eine Bestätigung der israelischen Regierung, so heißt es aus Ankara, lag zunächst nicht vor. In dieser kleinen Aussage liegt ein ganzes Muster: der Hinweis eines Präsidenten auf eine Absicht, die ein anderer Staat weder bestätigt noch dementiert. Das Schweigen, mit dem solche Hinweise beantwortet werden, trägt mehr als die Worte, die ihm vorausgehen.
Legt man die Fäden nebeneinander – die 80 Angriffsziele, die drei Tanker, die acht Toten, das Memorandum, die Forderung nach Einhaltung –, ergibt sich eine Geografie, die mit der offiziellen kaum noch etwas gemein hat. Die offizielle verläuft entlang von Gipfeln und gemeinsamen Erklärungen, die inoffizielle entlang von Zündfunken und Funkstille. Beide sind real. Sie überlagern einander, und wer auf die Bühne blickt, sieht die eine, wer die Verträge liest, sieht die andere.
„Zurückhaltung" ist in solchen Stunden das am häufigsten verwendete Wort. Es steht in Pressemitteilungen aus Islamabad, es klingt in Washington an, es fehlt in jedem Absatz, in dem von der nächsten Runde die Rede ist. Die Straße von Hormus hat einen Namen, der wie ein Versprechen klingt – eine Meerenge, die verbindet, nicht trennt. Gehalten hat sie ihn selten. Die Männer, die an ihren Ufern sprechen, wissen das. Sie sagen es nur nicht.