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Vier Monate, fünfzehn Ringe, sechseinhalb Millionen

9. Juli 2026 — — — Kastner

Hongkong meldet am Sonntag einen Toten, einen Bestohlenen und einen Abgefundenen, und die Stadt tut, was sie immer tut, wenn die Summen nicht zusammenpassen: Sie addiert leise weiter. Ein vier Monate alter Säugling wurde am Morgen bewusstlos im elterlichen Bett in einer Wohnung des Tin Chung Court in Tin Shui Wai aufgefunden. Der Vater hatte gegen 7.15 Uhr die Polizei verständigt. Das Kind wurde ins Tin Shui Wai Hospital gebracht, wo es wenig später für tot erklärt wurde. Die Polizei ermittelt zur Todesursache. Mehr steht nicht in der Meldung. Mehr steht selten in den Meldungen, wenn die Wohnung klein ist, die Familie still und das Protokoll seine Lücken hat.

Einen Straßenzug weiter, wenn man so reden darf über eine Stadt, die sich gern als eine einzige Adresse versteht, zählte am Samstagabend ein 69-jähriger Hausbesitzer an der Greenwood Terrace in Fo Tan seinen Verlust. Zehn Halsketten, fünfzehn Ringe, sechs Broschen, der Schmuckkasten aufgehebelt wie ein billiges Möbelstück. Die Familie hatte im Erdgeschoss zu Abend gegessen, der Mann hatte das Schlafzimmer noch gegen 18 Uhr kontrolliert, dann die Tür hinter sich geschlossen und sich zu den Seinen gesellt. Als er zurückkehrte, war die Tür von innen verriegelt. Er schloss auf und fand das Schlafziffner ausgeräumt. Die Polizei nahm den Einbruch um 21.50 Uhr auf, der Schaden wird auf 751.000 Hongkong-Dollar geschätzt, umgerechnet etwa 95.838 US-Dollar. Man darf sich fragen, wer in einer Stadt mit so vielen Augen ein solches Haus betritt, eine Tür knackt, eine Truhe öffnet und wieder verschwindet, ohne dass die Kameras an der Greenwood Terrace etwas erkennen lassen. Aber das, so wurde uns gesagt, gehört zur höheren Ordnung der Dinge.

Die höhere Ordnung, die ihre eigene Sprache spricht, äußerte sich am Montag im District Court. Richterin Phillis Loh Lai-ping sprach dem Tänzer Mo Li Kai-yin Schadenersatz in Höhe von 6,29 Millionen Hongkong-Dollar zu, umgerechnet rund 802.698 US-Dollar, das Maximum unter mehreren Kategorien, darunter dauerhafte totale Erwerbsunfähigkeit, Pflege durch eine andere Person, laufende Zahlungen und medizinische Kosten. Mo Li war am 28. Juli 2022 bei einem Konzert der Cantopop-Boyband Mirror in der Hong Kong Coliseum von einer herabstürzenden Riesenleinwand getroffen worden. Er war ein Tänzer und Lehrer, der Energie über die Bühne trug und sie auf die Tanzflächen weitergab. Heute braucht er drei Pfleger rund um die Uhr. Die Richterin schrieb, der Antragsteller habe katastrophale Behinderungen erlitten und werde lebenslang Pflege benötigen, und sie fügte hinzu, was Gerichte in solchen Urteilen selten so deutlich sagen: dass er nie ein unabhängiges Erwachsenenleben werde führen oder würdigen können. Die beklagte Firma Studiodanz, sein damaliger Arbeitgeber, war zur Verhandlung nicht erschienen. Sie wurde dennoch verpflichtet, die Summe zuzüglich Zinsen und der Kosten des Verfahrens zu tragen. Früher war sie bereits mit einer Geldstrafe von 132.000 Hongkong-Dollar belegt worden, wegen Verstoßes gegen die Arbeitsschutzvorschriften.

Man kann diese drei Vorgänge nebeneinander legen, weil die Stadt sie nebeneinander legt, in derselben Zeitung, am selben Wochenende, unter derselben Zeitzone. Ein Säugling, dessen Name in keiner Meldung steht. Ein älterer Herr, dessen Sammlung in einer einzigen Stunde zerrann. Ein junger Mann, der einmal einen Körper besaß, der für ihn arbeitete, und der jetzt einen Körper besitzt, der für ihn gepflegt werden muss. Die Polizei ermittelt, die Versicherung wird zahlen, das Gericht hat gesprochen. Die Mechanik hält, sie hält immer, auch wenn das, was sie zusammenhält, nichts ist, das man mit Händen greifen könnte.

Vier Monate, fünfzehn Ringe, sechseinhalb Millionen. Die Stadt zählt weiter.

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