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Cupid verlässt das Büro: Liebesflaute nach den Entlassungen

12. Juli 2026 — — — Ada Voss, auf Sendung

Die Zahlen kommen auf einem sauberen Draht aus Washington. Ich habe sie entziffert, hier sind sie. SHRM, der amerikanische Verband der Personalchefs, hat im Jahr 2025 nachgefragt: Wer hat noch einen Büroschwarm? Antwort: 22 Prozent der Beschäftigten. Im Jahr zuvor waren es noch 49 Prozent. In zwölf Monaten halbiert. So sieht Statistik aus, wenn die Konjunktur hustet.

Eine Boulevardzeitung in New York bringt es auf den Punkt: Cupid hat den Personalabbau nicht überlebt. Wer um seinen Arbeitsplatz zittert, zittert nicht mehr um die Hand der Kollegin vom Aktenraum. Das ist nicht romantisch, das ist Mathematik. Risiko gegen Belohnung, wie eine Kolumnistin der New York Times trocken notiert. Der Einsatz ist zu hoch, der Gewinn zu ungewiss.

Die Daten zum Liebesleben im Büro lesen sich wie ein absteigender Morsecode. 16 Prozent der Beschäftigten sind im vergangenen Jahr mit einer Kollegin oder einem Kollegen ausgegangen, ein Jahr zuvor waren es noch 21 Prozent. 7 Prozent gestehen einen risikoreichen romantischen Moment am Arbeitsplatz, vorher 13 Prozent. Jede Zahl ein Punkt. Jeder Punkt ein Stück Wärme weniger im Flur.

Dabei war das Büro einmal der größte Heiratsmarkt der Nation. Das Pew Research Center hat 2020 festgehalten: Rund jeder fünfte Erwachsene über 50 hat seinen Ehepartner im Betrieb gefunden. Bei den 18- bis 29-Jährigen sagen das heute nur noch 13 Prozent. Eine ganze Generation hat aufgehört, dort zu suchen, wo ihre Eltern noch fanden.

Was passiert ist, lässt sich an drei Drähten gleichzeitig abhören. Erstens: die Anwendungen auf dem Telefon. Einer Stanford-Studie zufolge lernten sich 2017 bereits 40 Prozent aller Paare online kennen. Das Büro ist nicht mehr der Hauptumschlagplatz für Romantik, das Smartphone ist es. Zweitens: die Schulungen. HR-Abteilungen unterweisen in Belästigung, Zustimmung, Grenzen. Aus gutem Grund. Aber wo jeder Blick wie ein Protokolleintrag gewogen wird, sinkt die Bereitschaft zum Blick selbst. Drittens: die Arbeitsplätze sind unsicherer geworden. Nach Entlassungswellen, nach Heimarbeit, nach dem ständigen Wechsel der Strukturen kennen sich die Leute im Großraumbüro nicht mehr beim Vornamen.

Die Mehrheit der Führungskräfte sieht das anders. Laut SHRM sagen sie: Büro-Beziehungen tun dem Team gut. Höflich formuliert heißt das: Solange keine Klage kommt, ist die Liebe ein Nebengeräusch. Nur ist das Nebengeräusch leiser geworden.

Juno Kelly hat in der New York Times eine Kolumne geschrieben, provokant betitelt: Geht ruhig, datet eure Kollegen. Ihr Argument: Junge Singles unter 30 wirken desillusioniert. Ein Drittel will gar nicht daten. Die Hälfte sucht nicht. Wenn die Generation den Büroflur nicht mehr betritt, wer soll sie dann treffen? Wo sonst im Erwachsenenleben, fragt Kelly, teilt man acht Stunden Alltag mit einem möglichen Partner als im Büro?

Unter denen, die sich trotzdem noch ins Abenteuer stürzen, sind die Motive so alt wie die Heiratsannonce in der Zeitung. Über die Hälfte sucht die große Liebe. 40 Prozent gestehen Abenteuer und Lust. Fast 30 Prozent geben offen zu: Karriere, Sicherheit, Macht. Wer den Vorgesetzten heiratet, muss sich keine Sorgen um die Beförderung machen. Das war zu meiner Zeit so. Das wird auch morgen so sein. Manche Töne auf den Drähten ändern sich nie.

Die Wahrheit ist nüchtern. Das Büro war nie ein Ort der Romantik, es war ein Ort der Nähe. Nähe erzeugt Bindung, Bindung erzeugt mehr als Freundschaft. Heute ist die Nähe kürzer, fragmentierter, digital vermessen. Der Kollege von nebenan ist heute ein Punkt auf einer Karteikarte, ein Name im Verzeichnis, eine kurze Nachricht in der Mittagspause. Die Telefone haben die Flure nicht ersetzt, sie haben sie überflüssig gemacht.

So bleibt am Ende eine Zahl, die mehr sagt als alle Tabellen. Vor fünfzig Jahren lernte jeder Fünfte seinen Partner im Betrieb. Heute lernt jeder Achte unter 30 dort niemanden mehr kennen. Cupid hat das Büro verlassen, weil das Büro kein Ort mehr ist, an dem man bleibt. Es ist ein Durchgangsraum. Liebe braucht aber Wände, die nicht abgebaut werden. Sonst wird sie selbst zur flüchtigen Bekanntschaft.

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