← Zurück zur Titelseite Wissenschaft

Dreißig Prozent weniger junge Leser — eine nüchterne Bilanz

12. Juli 2026 — — — Prof. Kessler

Dreißig Komma sechs Prozent. So präzise fällt der Abgrund aus, wenn ein Markt sich selbst verliert.

Der Börsenverein des Deutschen Buchhandels hat dieser Tage seinen Jahresbericht „Buchmarkt kompakt 2025/2026" vorgelegt, und was darin steht, klingt weniger nach Statistik als nach Befund einer lange vorbereiteten Erkrankung. Die Zahl der Kinder und Jugendlichen zwischen zehn und fünfzehn Jahren, die im vergangenen Jahr ein Buch kauften, ist gegenüber 2024 um 30,6 Prozent gesunken. Die Ausgaben in dieser Altersgruppe fielen um 23,8 Prozent. Bei den Zwanzig- bis Neunundzwanzigjährigen betrug der Rückgang knapp achtzehn Prozent. Über alle Altersgruppen hinweg sank die Zahl der Buchkäuferinnen und -käufer um 4,9 Prozent.

Der Branchenumsatz insgesamt lag bei 9,62 Milliarden Euro, 2,7 Prozent unter dem Vorjahreswert. Was die Branche als Umsatz verbucht, ist hierzulande oft eine Größe zwischen den Zeilen. Die Wissenschaft kennt solche Diagramme: eine sanft abfallende Kurve, die in der Mitte nicht mehr ansteigt.

Sebastian Guggolz, Vorsteher des Börsenvereins, hat die Zahlen beim Namen genannt. „Jahrzehntelange Versäumnisse in der Bildungspolitik haben zu einer fortschreitenden Verschlechterung der Lesekompetenz geführt — das Ergebnis lässt sich nun unmittelbar an den Marktzahlen ablesen", sagte er. Die Zahlen müssten „ein Weckruf an die Politik" sein: Lesefähigkeit sei eine Voraussetzung demokratischer Mitgestaltung.

Wer so spricht, hat meistens recht und manchmal auch nicht. Dreißig Jahre Forschen lehren einen, Stellungnahmen mit derselben Aufmerksamkeit zu lesen wie Datenblätter. Wer hat das bezahlt? In diesem Fall niemand außer dem Börsenverein selbst, der naturgemäß ein Eigeninteresse daran hat, gehört zu werden. Wer hat widersprochen? Zumindest öffentlich bislang kaum jemand; der Bericht verbreitet sich in einem Markt, der gerade besonders aufmerksam zuhört, weil er besonders wenig verkauft. Was wurde nicht gemessen? Alles, was sich nicht in einen Einkauf umrechnen lässt — geliehene Bücher, getauschte, auf Bildschirmen gelesene, geschenkte, gehörte.

Die Zahl der Erstauflagen war 2025 erneut rückläufig. 52.644 neue Titel erschienen, 9,8 Prozent weniger als 2024. Verlage planten vorsichtiger in unsicheren Zeiten, heißt es in der Analyse. Mehr als die Hälfte der 2025 verkauften Bücher, nämlich 57 Prozent, waren Backlist-Titel — Bücher, deren Erscheinungstag beim Verkauf mehr als zwölf Monate zurücklag. Das liest sich zunächst widersprüchlich: weniger neue Bücher, mehr alte. Aber alte Bücher brauchen keine Werbekampagnen mehr; sie überleben den Hype, werden billiger gehalten und sind, buchhalterisch betrachtet, das Skelett eines Marktes, der sich von seinem eigenen Fleisch verabschiedet hat.

Das Familienministerium plant unterdessen nach Informationen des SPIEGEL offenbar Kürzungen bei der Leseförderung für Kleinkinder. Das Programm „Lesestart 1-2-3", über das Buchgeschenke an Eltern verteilt werden, soll ab 2027 nicht mehr gefördert werden. Die Stiftung Lesen sprach von einem fatalen Signal.

Man darf die Ironie notieren, ohne sie zu genießen. Während die Branche Weckrufe an die Adresse der Politik richtet, plant dieselbe Politik, eine der wenigen verbliebenen Pipelines zu kappen, durch die gedruckte Bücher überhaupt noch in Kinderhände gelangen. Was im Labor ein Störfaktor wäre, ist in der Förderpolitik schlicht die Gewohnheit: Man misst, was leicht zu messen ist, und spart, was leicht zu sparen ist.

Dreißig Komma sechs Prozent sind keine Meinung. Sie sind das Ende einer langen Kette kleiner Ursachen — voller Lehrpläne, Bildschirmzeiten, knapper Familienbudgets, einer Aufmerksamkeitsökonomie, die das gedruckte Wort gegen Formate mit Hämmern, Schnitt und Pausenklingel auspendeln lässt. Ich habe in meinem Leben viele Hypothesen sterben sehen, aber keine, die so langsam und so geduldig an ihren eigenen Daten verblutet. Selbst die Pfeife wird einem bei solchen Zahlen kühl.

Zum Trost, werte Leser, dies: Wer nicht kauft, liest nicht zwangsläufig auch nicht. Bibliotheken füllen ihre Regale, Schulen ihre Klassen, und ein Buch bleibt, physikalisch betrachtet, immer noch das energieeffizienteste Speichermedium, das je erfunden wurde.

Wer aber bezahlt morgen den Druck einer Erstauflage, wenn die Käufer von übermorgen heute schon nicht mehr wissen, warum sie ein Regal brauchen?

✦ Ende des Artikels ✦
← Zurück zur Titelseite