Sechs Stunden Europa: Die neue Geduld der Reisenden
Das System hat einen Namen. Es heißt Entry/Exit System, abgekürzt EES, und es wurde im Oktober vergangenen Jahres ausgerollt. Nun, im Sommer 2026, läuft es erstmals durch eine ganze Hochsaison — und die Zwischenbilanz fällt, vorsichtig formuliert, gemischt aus.
Britische Reisende, die in diesen Wochen nach Frankreich, Spanien, Portugal oder Italien fliegen, betreten den Schengen-Raum nicht mehr mit einem Stempel im Pass. Stattdessen legen sie den Pass auf einen Scanner, die Finger auf eine Glasfläche, den Blick in eine Kamera. Im Idealfall dauert das eine Minute. Im Realfall, so berichten Passagiere und Branchenvertreter gleichermaßen, dauert es sehr viel länger.
Die Internationale Luftverkehrs-Vereinigung IATA hat gewarnt, dass sich die Wartezeiten an manchen Flughäfen auf bis zu sechs Stunden belaufen könnten. Der britische Chef von Wizz Air empfahl Reisenden in einem BBC-Interview, drei Stunden vor dem Rückflug am Flughafen zu erscheinen. Das ist keine Empfehlung aus Höflichkeit. Es ist eine mathematische Notwendigkeit. Easyjet hat im April einhundert Passagiere an der Grenzkontrolle zurückgelassen — sie schafften es nicht mehr zum Gate. Ryanair hat klargestellt: Warten ist nicht. Wer nicht rechtzeitig erscheint, bleibt.
Was geschieht, wenn das System streikt? Es streikt. Reisende berichten, ihre biometrischen Daten mehrfach eingeben zu müssen. Die Industrie benennt die Ursachen unumwunden: technische Probleme, Personalmangel an den Grenzen. Griechenland hatte angekündigt, die biometrischen Kontrollen für britische Besucher über die Hauptsaison auszusetzen — und ist von dieser Linie wieder abgerückt. Die Europäische Kommission hat in ihren eigenen Regeln eine Ventilklausel vorgesehen: In "außergewöhnlichen Umständen, die zu übermäßigen Wartezeiten führen", darf das System pausieren. Diese Möglichkeit besteht bis September.
Man darf diese Formulierung einen Moment lang betrachten. "Außergewöhnliche Umstände, die zu übermäßigen Wartezeiten führen" — im Hochsommer, an den Toren Europas, bei Millionen von Reisenden. Es liegt eine gewisse Eleganz in der Vorstellung, dass das, was mit Sicherheit eintreten wird, eine Ausnahme bleibe. Die Bürokratie hat ihre eigene Meteorologie: Sie rechnet mit dem Besten und plant für das Schlimmste, und wenn das Schlimmste eintritt, nennt sie es das Unerwartete.
Die Reisenden freilich sind keine Ausnahme. Sie sind die Regel. Großbritannien, dessen Bürger nach dem Brexit zu "Drittstaatsangehörigen" wurden, stellt eines der größten Reiseaufkommen Richtung Kontinent. Sie kommen, sie gehen, sie werden erfasst. Das Schengen-System umfasst neunundzwanzig europäische Staaten. Wer einreist, wird registriert; wer ausreist, wird überprüft. Dass diese Erfassung Zeit kostet, war in der Planung bekannt. Wie viel Zeit sie tatsächlich kostet, hat sich erst im Betrieb gezeigt — und es wird sich weiter zeigen, denn der Sommer hat gerade erst begonnen.
Es gibt Stimmen, die versichern: Das System wird besser. Verbesserungen seien geplant, teilt die Kommission mit. Andere Stimmen raten schlicht: Wer im Sommer 2026 nach Südeuropa fliegt, sollte sich auf einen langen Tag einstellen. Beides kann wahr sein. Beides ist vermutlich wahr.
Die Flughäfen arbeiten daran. Die Fluggesellschaften arbeiten daran. Die Kommission arbeitet daran. Die Passagiere arbeiten mit — wörtlich, mit ihren Fingern auf dem Scanner, während die Minuten und schließlich die Stunden verrinnen und der Anschlussflug am anderen Ende des Terminals ohne sie abhebt. Kinder unter zwölf Jahren dürfen ihre Fingerabdrücke noch nicht abgeben; sie werden weiterhin von Beamten kontrolliert. Ein kleines Entgegenkommen, gewiss. Eine Gnade, gemessen am Maßstab des Systems.
Man soll nicht spotten. Die Maschine ist jung, die Einführungsphase lang, die Erwartungen groß. Im Frühjahr noch hatte die Branche vor "chaotischen" Zuständen gewarnt; nun, mitten in der Saison, ist das Chaos keine Warnung mehr, sondern Betriebszustand. Wer in diesen Tagen einen Flughafen betritt, betritt eine Teststrecke. Die Versuchspersonen wissen es nur nicht immer.
Es ist, alles in allem, eine europäische Geschichte. Sie handelt von Maschinen, die langsamer arbeiten als die Menschen, die sie bedienen. Von Regeln, die für Ausnahmen geschrieben wurden, die keine sind. Von einer Bürokratie, die ihre Gäste mit Handschuhen aus Filz und einem höflichen Lächeln empfängt — und sie sechs Stunden warten lässt, bevor sie ihnen ein "Willkommen" schenkt.
Europa ist kein Ort. Europa ist eine Prozedur. Und diese Prozedur hat, im Sommer 2026, ihre ganz eigene Geduld.