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Architekt des Brexits, Gast eines Betrügers, Sorgenfall der Insel

12. Juli 2026 — — — Kastner

In Genf habe ich gelernt, Verträge nicht an dem zu lesen, was sie sagen, sondern an dem, was sie nicht sagen. Das Karfreitagsabkommen von 1998 wurde geschrieben, damit das Schweigen zwischen zwei verfeindeten Gemeinschaften erträglich wird. Ein Politiker, der dieses Abkommen nachverhandeln und aus der Europäischen Menschenrechtskonvention austreten will, will bei der nächsten Wahl die britische Insel neu ordnen — während ein Parlamentsausschuss prüft, ob Nigel Farage vor seinem Einzug ins Unterhaus Zuwendungen eines verurteilten Betrügers verschwiegen hat.

Reform UK hält acht Sitze im Unterhaus. Eine kleine Zahl, die gleichwohl wie ein Beben wirkt: Für den Fall, dass Reform bei der nächsten Wahl starke Opposition oder Regierung wird, planen Politiker in Irland, Nordirland, Schottland und Wales das bislang Undenkbare — die Auflösung des Vereinigten Königreichs.

In Belfast sprach vergangene Woche auf einer Konferenz der SDLP der ehemalige Erste Minister von Wales, Mark Drakeford. Es sei denkbar, sagte er, dass »in wenigen Jahren Menschen auf der irischen Insel über die Irische See auf ein Land blicken, in dem ICE-artige Greiftrupps Menschen von der Straße holen«. Wenn Farage nach Downing Street einziehe oder Reform seine Mandate deutlich vermehre, bleibe möglicherweise keine Zeit für eine geordnete Debatte über die Zukunft des Vereinigten Königreichs. Der englische Nationalismus drohe, so Drakeford, Schottland und Nordirland aus der Union zu drängen und Wales zu einem »progressiven Pickel auf einem Reststaat« zu machen. Jim O'Callaghan, Irlands Justizminister, sagte auf derselben Konferenz, Dublin müsse sich auf die Wiedervereinigung vorbereiten, anstatt auf den Zeitplan des englischen Nationalismus zu warten. Die Zukunft werde möglicherweise nicht »den vorhersehbaren Pfad von Gesprächen und Harmonie« nehmen.

Seit dem 13. Mai läuft gegen Farage beim Parliamentary Commissioner for Standards eine Untersuchung. Geprüft wird, ob Zahlungen in Höhe von rund 5,85 Millionen Euro aus dem Vermögen des in Thailand lebenden Kryptowährungsmillionärs Christopher Harborne hätten deklariert werden müssen. Farage sagt, es sei ein persönliches Geschenk in Anerkennung seines Brexit-Einsatzes für seine persönliche Sicherheit gewesen. Genau diese Ausnahme — Geschenke von Freunden für persönliche Zwecke — sieht der Verhaltenskodex des Parlaments vor. Ob sie hier greift, wird geprüft.

Am Sonntag legte das Investigativteam der Sunday Times nach. Danach soll Farage im Jahr vor seiner Wahl zum Abgeordneten des südostenglischen Wahlkreises Clacton Leistungen von George Cottrell erhalten haben, die über seine bisherige Erklärung hinausgingen. Cottrell, 32, wurde 2017 in den Vereinigten Staaten wegen Geldwäsche im Drogenhandel zu acht Monaten Haft verurteilt; seine Mutter war kurzzeitig mit dem heutigen König Charles liiert, sein Vater Mark besuchte das Internat Gordonstoun gemeinsam mit Prinz Andrew. Im Juli 2016 war Cottrell mit Farage bei einer Trump-Wahlkampfveranstaltung festgenommen worden. Er bemüht sich um eine Begnadigung durch den US-Präsidenten.

Laut Sunday Times rekrutierte Cottrell drei Mitarbeiter für Farages Social-Media-Team und bezahlte sie per Banküberweisung. Er ließ Farage ein fünfstöckiges Georgian Townhouse in der Nähe des Buckingham Palace als Wohnsitz nutzen. Sicherheitsleistungen seien zuletzt noch zwischen Januar und März 2024 erbracht worden. Bei seinem Amtsantritt erklärte Farage lediglich eine einzige Zuwendung Cottrells im Wert von etwa 9.200 Pfund — für eine Reise zu einer konservativen Konferenz in Belgien.

Ein Sprecher Farages nannte den Bericht »haltlos und konstruiert«. Es seien keine Verhaltensregeln verletzt worden. Der liberaldemokratische Abgeordnete Josh Babarinde forderte am Sonntag in einem auf X veröffentlichten Schreiben an den Commissioner for Standards eine förmliche Untersuchung. Angesichts von Wert und Art der beschriebenen Unterstützung bestehe »eine ernsthafte Frage«, ob Farage seinen Pflichten aus dem Code of Conduct for MPs nachgekommen sei. Cottrell ließ über Anwälte erklären, er habe Mitarbeiter in Farages privatem Büro beschäftigt und per Banküberweisung bezahlt.

Die Sunday Times berichtet zugleich, dass Cottrell nach seiner Haftentlassung mit der Offshore-Wettplattform Tether.bet in Verbindung stand. An dieser Plattform sollen auch Christopher Harborne Anteile halten — also jener Mann, von dem Farage die Millionensumme erhalten haben will, deren Deklaration nun geprüft wird. Ob darin mehr zu sehen ist als ein Netzwerk persönlicher Beziehungen, ist bislang offen.

Was bleibt, ist ein Paradox von bestechender Klarheit. Ein Politiker, der die Europäische Menschenrechtskonvention verlassen und das Karfreitagsabkommen neu verhandeln will, lässt sich von einem Mann versorgen, der wegen Geldwäsche verurteilt wurde. Ein Politiker, der die nordirische Frage lösen will, sieht sich mit einer Untersuchung konfrontiert, die ihm genau jenes Verhalten vorwirft, das in Belfast als Vertrauensfrage gilt.

Dass die alte Geldgeschichte gerade jetzt auftaucht, während die keltischen Nationen ihre Notfallpläne schreiben, ist die Pointe, die kein Drehbuchautor besser hätte setzen können. Die Bühne gehört dem Bekenntnissatz, die Akte dem Kalkül. Wer nicht weiß, wo vorne und wo hinten ist, lese die Protokolle.

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