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Der Handschlag, der Algorithmus und das Ende der gedruckten Karte

12. Juli 2026 — — — Kastner

Es gibt Wochen, in denen das Protokoll sich selbst zitiert. In diesen Tagen geschieht es zweimal, im Abstand weniger Stunden, in derselben Stadt, in derselben Branche, mit demselben Verein im Zentrum — der FC Bayern München wird zur Bühne, auf der zwei Architekturen sich gleichzeitig verabschieden. Die eine ist alt. Die andere ist erst in ihren Umrissen lesbar.

Zuerst die Architektur der Hand. Volkswagen prüft den Verkauf seiner Beteiligungen am FC Bayern München und am VfB Stuttgart. Acht Komma drei Prozent am FC Bayern, gehalten über die Tochter Audi, einst erworben im Jahr 2009 für neunzig Millionen Euro. Zehn Komma vier Prozent am VfB Stuttgart, eingebracht im Jahr 2023 durch Porsche, Kostenpunkt nach Konzernangaben rund fünfundvierzig Millionen. Es handelt sich um die Vorbereitung eines milliardenschweren Sparpaketes, dem weitere Arbeitsplätze und vier weitere Werke in Deutschland zum Opfer fallen sollen. Die Geometrie ist bekannt: Die Allianz, Adidas und Audi halten beim FC Bayern zu gleichen Teilen, je acht Komma drei Prozent — eine Ordnung, die in der Wirtschaftspresse als stabil beschrieben wird. Stabil war auch das Verhältnis des früheren Vorstandschefs Martin Winterkorn zur Münchner Beteiligung, der das Engagement zur Herzenssache erklärte; über hundert Millionen Euro jährlich flossen zuletzt in den Fußball, einschließlich der Trikots der Nationalmannschaft. An Wolfsburg, dem Stammwerk der Kernmarke, und am Drittligisten FC Ingolstadt 04, dem Sitz der Audi-Tochter, wolle der Konzern festhalten, heißt es aus den Kreisen. Werksbindung ist keine Verhandlungsmasse.

Dann die Architektur des Algorithmus. Zur kommenden Saison schafft der FC Bayern die gedruckte Eintrittskarte ab. Wer die Allianz-Arena betreten will, muss ein Smartphone besitzen, die FC-Bayern-App oder die Allianz-Arena-App installiert haben, ein Konto, ein Login. Apple Wallet, Google Wallet, PDF-Tickets, Screenshots — alles wird nicht mehr unterstützt. Wer kein Gerät besitzt, bleibt draußen. Der Verein spricht von modernem Ticketing, von Transparenz und von Sicherheit. Es ist genau diese Sprache, die in jeder Behörde, in jedem Konzern, in jedem Stadion gesprochen wird, wenn ein Wahlrecht fällt: Man nennt den Wegfall „Service", und der Zuschauer heißt fortan Nutzer.

Die Karte wird zur Datei, der Besucher zum Datensatz. Wer Eintritt kauft, geht eine digitale Geschäftsbeziehung ein, in der der Informationsfluss einseitig ist. Der Verein erfährt, wer kauft, wer weiterleitet, wer annimmt, mit welchem Konto gezahlt wird, welche App installiert ist, welches Betriebssystem das Gerät trägt. Was als Komfort verkauft wird, ist Zutrittskontrolle in Reinform. „Klar und nachvollziehbar", schreibt der Club selbst. Das Wort steht in keinem Stadion, das seinem Namen gerecht wird; es steht in Akten, in Datenbanken, in Protokollen, die man führt, ohne dass die Betroffenen je mitlesen dürfen.

Parallel berät der VW-Aufsichtsrat am neunten Juli über das Sparpaket. Die finanziellen Folgen eines Verkaufs sind noch nicht abschließend bezifferbar. MHP, eine Porsche-Beratungstochter, soll nicht länger Namensgeber des VfB-Stadions in Stuttgart bleiben; der VfL Wolfsburg wird nach dem Abstieg aus der Bundesliga weniger Geld erhalten. Fallen lassen wolle man die Werkself nicht. So viel zur Handschrift.

Zwei Vorgänge, eine Woche, dieselbe Stadt: Die gedruckte Karte war ein Rest von Anonymität, den der Verein nicht mehr anbietet. Die Bundesligabeteiligung war ein Rest von Kontinuität, der mit dem nächsten Quartal zur Disposition steht. Beides wird ersetzt — das eine durch ein digitales Profil, das andere durch eine Sparliste, beides mit Zustimmung der jeweils Betroffenen, beides mit derselben Begründung: Es gehe um die Zukunft. An dieser Stelle beginnt die Sprache, die niemanden mehr überrascht.

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