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Fünfhundert Millionen Handys, ein Wiener Bildschirm

12. Juli 2026 — — — Ada Voss, auf Sendung

Wien summt. Das Innenministerium unter ÖVP-Innenminister Gerhard Karner hat still die Lizenz für ein Werkzeug verlängert, das behauptet, bis zu fünfhundert Millionen Mobiltelefone weltweit im Blick zu haben. Das Werkzeug heißt Webloc. Es kommt von der US-Firma Penlink. Die Lizenz steht in einem öffentlichen Vergabeportal. Wer dort sucht, findet.

Bisher kannte man Webloc als Werkzeug zweier Hände: der US-Abschiebemiliz ICE und der abgewählten Regierung Viktor Orbáns in Ungarn. Jetzt liegt der Schlüssel auch in Wien. Die Tageszeitung Der Standard hat zuerst darüber berichtet. Die Fäden hat die Rechercheplattform netzpolitik.org weitergesponnen.

Was Webloc liefert, ist keine Hexerei. Es ist Ingenieurskunst. Das Citizen Lab der Universität Toronto hat das Werkzeug im April seziert und beschrieben: präzise GPS-Koordinaten, Bewegungsprofile über die Zeit, dazu die sogenannte mobile Advertising-ID — jene Kennung, die jedes moderne Handy mit sich trägt wie einen kleinen Fingerabdruck im Werbelicht.

Die Daten kommen nicht aus dem Nichts. Sie kommen aus den Apps, die der Mann in der Suppenküche sich kostenlos aufs Telefon lädt. Wetter, Spiele, Nachrichten, Fahrkarten — jede dieser Anwendungen fragt den Standort ab. Die Werbeindustrie sammelt, sortiert, verkauft. Über Datenhändler wandern die Ströme zu Firmen wie Penlink. Aus Werbung wird Überwachung. Der Fachbegriff dafür lautet ADINT — Advertising Intelligence. Auf Deutsch: Werbeaufklärung, wenn man der Sache den Mantel der Geschichte über die Schultern legt.

Was eine Werbe-ID verrät, ist mehr, als den meisten lieb sein kann. Wohnort, Arbeitsplatz, welche Arztpraxis, welche Klinik, welche religiöse Stätte, welche Nacht. Die gemeinsamen Recherchen von netzpolitik.org und dem Bayerischen Rundfunk im Projekt Databroker Files haben seit 2024 gezeigt, wie weit diese Ströme fließen und welche sensiblen Details sie preisgeben.

Für die Behörden, die Webloc nutzen, funktioniert das Werkzeug nach Angaben der Forschenden ähnlich bequem wie eine Restaurantsuche bei Google Maps: Man gibt ein Areal ein und durchforstet die Bewegungsprofile der Menschen, die dort waren. Die Werbe-ID verknüpft die Punkte zu Wegen.

Das deutsche Verbraucherschutzministerium hat bereits 2024 klare Worte gefunden: Die Übertragung personenbezogener Daten als reine Handelsware sei mit dem Datenschutzrecht nicht vereinbar. Fachleute sehen darin einen Verstoß gegen die DSGVO. Die österreichische Behörde hat trotzdem verlängert. Eine kurzfristige Presseanfrage von netzpolitik.org an die US-Firma Penlink blieb unbeantwortet.

Wer kontrolliert das Werkzeug? Eine US-Firma, die nicht redet. Wer profitiert? Die Ermittlerinnen und Ermittler, die Bewegungen in einem bestimmten Areal abfragen können. Wer zahlt den Preis? Potenziell jeder Mensch, der ein Handy mit werbefinanzierten Apps nutzt und keine digitale Selbstverteidigung betreibt. Das sind, je nach Schätzung, die meisten.

Citizen Lab hat die Anatomie des Werkzeugs seziert. netzpolitik.org hat den Faden bis ins Wiener Vergabeportal gezogen. Die Lizenz ist verlängert. Die Drähte summen weiter.

Ada Voss — Terminal Tribune. Die Drähte summen. Ich übersetze.

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