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Indiens stille Absage an den Schatten des Ayatollah

12. Juli 2026 — — — Kastner

Man schickt einen pensionierten General, der zufällig Gouverneur von Bihar ist, und einen Minister von State, dessen Name in den Protokollen der Außenpolitik bislang nicht weiter auffiel. Das ist die Antwort Neu-Delhis auf die Einladung Teherans, eine Beisetzung ersten Ranges beizuwohnen. Sechs Tage, fünf Städte, schätzungsweise zwanzig Millionen Menschen am Straßenrand, die größte Trauerfeier in der Geschichte der Islamischen Republik. Und Indien, das Land, das den Verstorbenen vier Jahrzehnte lang mit jedem seiner Premierminister empfing, schickt zwei Männer, die die Sprache der Macht in Maschhad nicht fließend sprechen.

Ayatollah Ali Khamenei, geboren 1939 in Maschhad, Präsident von 1981 bis 1989, oberster Führer von 1989 bis zu seinem Tod am 28. Februar dieses Jahres, als israelische und amerikanische Streitkräfte Iran in den ersten Stunden einer gemeinsamen Operation trafen, hat seinen letzten Auftritt verspätet. Vier Monate lag der Leichnam in staatlicher Aufbahrung, gefangen zwischen Krieg, Waffenstillstand und den Verhandlungen, die noch immer über Hormuz, über das Nuklearprogramm, über die Sanktionen geführt werden. Nun, da beide Seiten die Gewehre für einen Moment niedergelegt haben, beginnt am Samstag in Teheran am Mosalla-Gebetskomplex das Zeremoniell. Am Montag führt der Trauerzug über zehn Kilometer vom Imam-Hossein-Platz zum Azadi-Platz, jenem Ort, an dem 1979 die Revolution ihren Anfang nahm und an dem später die größten Proteste des Landes ihr Ende fanden. Am 7. Juli wandert die Prozession weiter nach Ghom, zwischen dem Schrein der Fatima Masoumeh und der Dschamkaran-Moschee, dem Ort, der dem Verborgenen Imam, dem Mahdi, geweiht ist, ehe die Beisetzung selbst in Maschhad erfolgt, der Pilgerstadt im Nordosten, ein Zeichen für die Höhe, die man dem Toten zubilligte.

Präsident Massud Peseschkian hatte Premierminister Narendra Modi persönlich eingeladen. Modi hat Verpflichtungen. Indonesien, Australien, Neuseeland, sechster bis elbter Juli. Man versteht das. Die Termine eines Premierministers sind keine Termine, sie sind Architektur. Aber die Architektur, die hier sichtbar wird, erzählt eine andere Geschichte.

Talmiz Ahmad, ehemaliger Botschafter Indiens in Saudi-Arabien, äußerte sich „zutiefst enttäuscht" über die Zusammensetzung der Delegation. Man muss diesen Satz einen Moment lang halten. Ein Mann, der sein Berufsleben damit verbracht hat, die Höflichkeiten der Diplomatie zu wahren, spricht von Enttäuschung. Er erinnert daran, dass Khamenei alle Premierminister Indiens der vergangenen vier Jahrzehnte empfing, einschließlich des jetzigen, der ihm im Mai 2016 in Teheran persönlich begegnete. Beobachter in Neu-Delhi nennen die Trauerfeier eine „große Chance" für Indien, seine Westasienpolitik neu zu justieren. Sie sagen zugleich, die Wahl der Delegation zeige, dass Indien die Bedeutung des Ereignisses nicht erkannt habe.

Es ist ein merkwürdiges Bild, das sich hier zusammenfügt. Eine Region im Umbruch, ein getöteter oberster Führer, ein Machtvakuum, das größer ist als jede einzelne Zeremonie es füllen kann. Der Nahe Osten wird neu gezeichnet, nicht auf den Konferenzen, die angekündigt werden, sondern auf den Beerdigungen, die tatsächlich stattfinden. Wer kommt, wer nicht kommt, wer wen schickt, das sind die wahren Protokolle dieser Tage. Die offiziellen Erklärungen kommen später, gesäubert, in der Sprache der Diplomatie, die immer schon wusste, wie man Schweigen in Floskeln verpackt.

Dass Indien im Mai 2024 den damaligen Vizepräsidenten Jagdeep Dhankhar zur Beisetzung von Präsident Ebrahim Raisi entsandte, zeigt, dass die Rangordnung des Protokolls in Neu-Delhi nicht unbekannt ist. Damals war Raisi ein Präsident. Khamenei war ein Ayatollah, dreiunddreißig Jahre lang, der zweitälteste Amtsinhaber seit Gründung der Republik. Die Mathematik der Repräsentation hätte einen anderen Schluss nahegelegt.

Stattdessen reisen ein General im Ruhestand und ein Staatsminister nach Teheran. Modi reist nach Jakarta, nach Canberra, nach Wellington. Die Termine liegen günstig. Man kann das eine nicht gegen das andere aufrechnen, sagt man sich in Neu-Delhi, und vielleicht ist das sogar wahr. Aber in Teheran, in Ghom, in Maschhad, wo man seit vier Monaten auf diesen Moment wartet, wird man rechnen. Man rechnet immer.

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