Fünf Stunden Ermittlung, sechzehn Jahre Haft
Syracuse, New York, in der Nacht zum 8. Mai 1981. Kurz vor Mitternacht, eine Parkanlage am Rand des Universitätscampus. Eine Achtzehnjährige, Studentin im ersten Semester, wird vergewaltigt. Ihr Angreifer schlägt ihren Kopf wiederholt gegen einen Ziegelweg. Ein Messer kommt zum Einsatz. Was danach folgt, ist eine Kette dokumentierter Befunde, die für sich sprechen.
Im Krankenhaus weint die junge Frau ununterbrochen. Ihr Gesicht zeigt Hämatome. Am Hals finden sich Kratzspuren. Das Jungfernhäutchen ist an zwei Stellen eingerissen. Der Urin, wörtlich aus dem Krankenhausbericht, ist „grob blutig". In der Scheide wird Sperma sichergestellt. Eine Röntgenaufnahme des Schädels wird angefertigt, weil der Täter den Kopf der Frau gegen den Boden geschlagen hatte. Die behandelnden Ärzte verabreichen Demerol, ein starkes Opioid, um die Schmerzen erträglich zu machen.
Am Morgen dieses 8. Mai, Punkt acht Uhr, übernimmt Detective George Lorenz den Fall. Die Studentin hat zu diesem Zeitpunkt seit der vergangenen Nacht kaum geschlafen — eine erste polizeiliche Befragung, die forensische Spurensicherung, die medizinische Untersuchung, die Untersuchung auf Verletzungen am gesamten Körper. Sie kämpft im Vernehmungsraum sichtbar darum, wach zu bleiben.
Lorenz ist siebzehn Jahre im Dienst, ein kräftiger Mann, vorher Fleischer, vorher Fernfahrer. Er ist, so die spätere Schilderung Alice Sebolds, sichtlich verärgert über ihre Müdigkeit. Als sie Details zum Tathergang schildert, bellt er: „Das ist unerheblich, nur die Fakten." In seinem vorläufigen Bericht hält er einen Satz fest, der in einem Polizeidokument ungewöhnlich direkt steht: „Es ist die Auffassung des Verfassers, nach Befragung des Opfers, dass dieser Fall, wie er vom Opfer dargestellt wird, nicht vollständig den Tatsachen entspricht."
Die Ermittlung, die nun folgt, hat einen geringen Umfang. Lorenz befragt den männlichen Kommilitonen, den die Studentin vor der Tat besucht hatte. Er sieht sich den Tatort an. Seine Kollegen haben dort bereits ein Messer und die zerbrochene Brille der Frau sichergestellt. Fünf Stunden, nachdem er den Fall übernommen hat, um 13 Uhr am 8. Mai 1981, vermerkt Lorenz die Akte als „inactive file pending further info" — inaktiv, bis neue Hinweise eingehen.
Das ist das Ende der polizeilichen Ermittlung. Nicht das Ende des Falls.
Alice Sebold — so der Name der jungen Frau — nimmt im Herbst 1981 ihr Studium wieder auf. Sie weiß in diesem Moment: Niemand sucht nach dem Mann, der ihr das angetan hat. Wenig später, auf einer Straße in Syracuse, sieht sie einen Mann und ist, mit einem Ruck des Entsetzens, sicher, ihn wiederzuerkennen. Sie bringt ihn zur Anzeige. Ihre Zeugenaussage wird zur Grundlage einer Verurteilung. Sechzehn Jahre Haft. Dreiundzwanzig weitere Jahre als registrierter Sexualstraftäter.
Sebold ist keine Frau, die danach schweigt. In einer Zeit, in der die allermeisten Vergewaltigungen nicht einmal angezeigt werden, spricht sie öffentlich. In Kolumnen. In einem Auftritt bei Oprah. Vor allem aber in ihrem Erinnerungsbuch „Lucky", das 1999 erscheint. Es verkauft sich mehr als eine Million Mal, nicht zuletzt, weil Sebolds erster Roman „The Lovely Bones" zum Bestseller wird und als Hollywoodfilm ein Millionenpublikum erreicht. Der Versuch, „Lucky" selbst zu verfilmen, wird Jahre später Drehbuchautoren auf die Spur dieses Falls bringen.
Was Detective Lorenz an einem Arbeitstag im Mai 1981 entschied — fünf Stunden, ein Vermerk, eine Akte im Schrank — wirkt bis heute nach. Beinahe ein halbes Jahrhundert später. Die Akte mag inaktiv sein. Der Fall ist es nicht.