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Die Architekten und ihre leeren Hallen

13. Juli 2026 — — — Kastner

Nahe dem Örtchen New Carlisle, im US-Bundesstaat Indiana, hundert Kilometer östlich von Chicago. Wo einst Mais und Sojabohnen wuchsen, ragen heute fensterlose schwarze Hallen aus matschigem Boden, an ihren Außenwänden Nummern: 201, 203, 204. Amazon errichtet hier ein Rechenzentrum für künstliche Intelligenz. Die Süddeutsche Zeitung hat es, in einem Beitrag ihrer Reporterin Ann-Kathrin Nezik vom 10. Juli 2026, auf jene Formel gebracht, die seither nicht mehr aus den Köpfen weicht: Wo früher Nahrung angebaut wurde, wird jetzt der Mensch überflüssig gemacht.

Der Satz steht in einem Artikel von dreiundzwanzig Minuten Lesezeit, mit Collagen von Niklas Keller und Felix Hunger. Er enthält, in dieser einen Zeile, mehr Wahrheit über die Gegenwart als viele Sonntagsreden. Ein Rechenzentrum, sagen die einen — und meinen eine Fabrik. Künstliche Intelligenz, sagen die anderen — und meinen eine Maschine, deren Funktion es ist, menschliche Entscheidungen entbehrlich zu machen. Die Architektur selbst gibt Auskunft: keine Fenster, keine Adresse, nur Nummern. Was hier gebaut wird, will nicht gesehen werden. Was hier gebaut wird, will keine Nachbarschaft.

Die Männer, die diese Bauten in Auftrag geben, schreiben inzwischen selbst auf, was sie wollen. In Slogans, die wie Slogans klingen und wie Vertragsklauseln zu lesen sind. Der Staat? Muss weg. Demokratie? Braucht keiner. Freiheit? Ist eine Pizzeria auf dem Mars. Elon Musk, Jeff Bezos, Peter Thiel — drei Namen, ein Programm. Die Süddeutsche Zeitung nennt es, ohne zu zögern, die Entfesselung der Technologie und schreibt, das Gift dieser politischen Fantasien sei längst in unsere Mitte eingesickert. Eine Diagnose, die man teilen kann, ohne sich zu erheben.

Man erkennt die Mechanik an ihren Wirkungen, dort, wo man sie am wenigsten vermutet. Am 7. Juli 2026, drei Tage vor dem Indiana-Stück, veröffentlichte netzpolitik.org einen Beitrag seines Kolumnisten Erik Tuchtfeld mit dem Titel Sanktionierte Freiheit. Es geht um das ZDF, genauer: um die Sorge, dass Vertragsklauseln des Senders, gekoppelt an US-Sanktionsregime, dessen journalistische Unabhängigkeit aushöhlen könnten. Mehr als 340.000 Menschen haben eine Petition an den Intendanten unterschrieben. Die Stoßrichtung ist ungewöhnlich: Es sind nicht die Kritiker des öffentlich-rechtlichen Rundfunks, die da unterschreiben. Es sind Menschen, die den Sender verteidigen wollen, weil sie ahnen, was auf dem Spiel steht.

Worum geht es? Sanktionen, so der Text in nüchterner Sachlichkeit, sind ein Mittel zur Reaktion auf Völkerrechtsverstöße und Menschenrechtsverletzungen. Sie können primär Vermögen einfrieren oder beschlagnahmen. Sie entfalten aber eine sekundäre Wirkung: Sie verbieten auch Dritten — Unternehmen, Personen, auch im Ausland — wirtschaftliche Tätigkeiten mit den Sanktionierten. Journalistische Berichterstattung, fügt der Text hinzu, sei zunächst keine wirtschaftliche Beziehung. Es gibt jedoch Mitwirkendenverträge, die mit Talkshow-Gästen abgeschlossen werden und Reisekosten regeln. Wo, so fragt man sich, verläuft die Grenze? Wo beginnt die Geschäftsbeziehung, die unter die Klausel fällt?

Die Antwort des Hauses: Nein, es gebe keine Anzeichen für einen Einfluss der US-Sanktionslisten auf die Berichterstattung. Das ist eine Aussage über die Gegenwart, nicht über die Architektur. Sie sagt, was heute nicht geschieht. Sie sagt nicht, was morgen geschehen könnte. Die Frage, ob Donald Trump dem ZDF die Interviewpartner diktiere, ist eine Frage nach dem Heute; die Verträge, die diese Frage aufwerfbar machen, betreffen das Morgen. Wer die Schlagzeilen liest, ist beruhigt. Wer die Klauseln liest, schläft schlechter.

Ich habe in Genf an Tischen gesessen, an denen genau diese Architektur verhandelt wurde. Männer in guten Anzügen, die lächelnd Formulierungen in Nebenabsprachen verstauten, die später ganze Volkswirtschaften umlenkten. Die Technik ist alt: Man schreibt nichts Verbotenes in den Haupttext, man verstaut es in den Anhängen. Man sagt nichts Falsches vor Zeugen, man flüstert es bei Kaffee. Man unterzeichnet keinen Vertrag, der einem schadet; man unterzeichnet einen, der einem in der dritten Generation schaden wird. So entsteht, Klausel um Klausel, eine Konstruktion, die niemand geplant hat und die niemand mehr verantworten muss. Die Hallen von New Carlisle sind ihre Außenansicht. Die Verträge in Mainz sind ihr Innenleben. Beide tragen Nummern statt Namen.

Was bleibt? Man kann die Sätze der Milliardäre beim Wort nehmen. Der Staat muss weg? Dann bauen wir ihn wieder auf, Sitzung um Sitzung, Anhörung um Anhörung. Demokratie braucht keiner? Dann zeigen wir, dass wir sie brauchen, in jeder Wahl, in jeder Zeitung, in jedem Sender, der sich weigert, Sprachrohr derer zu werden, die ihn längst kaufen möchten. Freiheit ist eine Pizzeria auf dem Mars? Dann verteidigen wir die Pizzeria um die Ecke, mit jener Geduld, die langweilig aussieht und die einzige wirksame Waffe bleibt.

New Carlisle wird weiterwachsen. Halle 205, 207, 209 — die Nummern werden nicht aufhören. Das Maisfeld kommt nicht zurück. Die Institutionen jedoch — die Gerichte, die Parlamente, die Sender — können sich wehren. Sie können es nur, wenn wir ihnen zugestehen, was die Milliardäre ihnen längst abgesprochen haben: dass sie gemeinnützig sind und nicht gewinnbringend, dass sie Verfahren sind und keine Produkte, dass sie Fenster sind und keine Wände. Ich trage Handschuhe, auch beim Schreiben. Aber ich schreibe.

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