Michigan, August: Der Arzt, die Lobby und das Gewissen
Die Maschine läuft, der Apparat arbeitet, und in Michigan, diesem Bundesstaat der gebrochenen Versprechen und der noch gebrocheneren Industrien, geht im August ein Rennen zu Ende, das mehr verrät als ihm lieb sein dürfte. Am 4. August stimmen die Demokraten darüber ab, wer ihre Farben in den Senatswahlkampf tragen wird. Drei Kandidaten stehen im Ring. Einer von ihnen, Abdul El-Sayed, Epidemiologe und ehemaliger Leiter des Gesundheitsamtes von Wayne County, hat soeben eine Unterstützung erhalten, die in der parteiinternen Geographie einiges verschiebt: Jewish Voice for Peace Action, jener politische Arm der jüdisch-anti-zionistischen Bewegung, der bisher vor allem durch Besetzungen in den Korridoren der Macht aufgefallen ist, hat erstmals einen Kandidaten für den US-Senat empfohlen.
Beth Miller, politische Direktorin von JVP Action, formuliert es in einem Satz, der wie für die Geschichtsbücher geschrieben klingt: „Abdul ist ein standhafter und kompromissloser Verteidiger palästinensischer Rechte und Freiheit, und seine Kampagne hat eine moralische Konsequenz bewiesen, die Gerechtigkeit und Gleichheit für alle Menschen in den Mittelpunkt stellt." Man darf das beim Wort nehmen. El-Sayed tritt gegen die Abgeordnete Haley Stevens an, eine Zentristin, gestützt vom Parteiestablishment und der pro-israelischen Lobby, einschließlich AIPAC, diesem Flaggschiff der unbedingten Solidarität in Washington. Und gegen State Senator Mallory McMorrow, die sich selbst als progressiv bezeichnet und dafür mit dem Segen Elizabeth Warrens sowie der liberal-pro-israelischen Gruppe J Street ausgestattet wurde. El-Sayed seinerseits wird getragen von Bernie Sanders, Chris Van Hollen, Rashida Tlaib und Summer Lee — ein Sammelsurium progressiver Namen, das in Detroit wie in Washington gleichermaßen aufhorchen lässt.
Es ist ein Rennen um Positionen, gewiss, aber auch um Lesarten. Wer die Linie der Partei gegenüber Israel in den kommenden Jahren bestimmen wird, ob bedingungslose Unterstützung, wie Stevens sie vertritt, oder die Abkehr davon, für die El-Sayed steht, das wird hier mitentschieden. In einer Partei, die sich gerade neu erfindet, in einer Wählerschaft, die trotz steigender Preise und eines unpopulär gewordenen Krieges gegen Iran die Frage nach Gaza nicht ruhen lässt.
Doch dies ist nicht die einzige Geschichte, die der Doktor aus Detroit mit sich trägt.
El-Sayed hat, in jener beneidenswerten Klarheit, die nur Empörung verleiht, im Jahr 2021 seinen damaligen Mitbewerber Mehmet Oz zerlegt. Auf dem Podcast „Bad Faith" sagte er über den späteren Senator, dieser habe den Menschen „Scheiße verkauft, die sie nicht brauchten". Er habe, so El-Sayed weiter, „die Wahrheit nicht so gesagt, wie sie ist, sondern wie Unternehmen sie bezahlen, damit er sie sagt". Ein Satz, präzise wie ein Skalpell, elegant wie ein Urteil. Man darf ihn sich merken.
Denn El-Sayed selbst hostete zur selben Zeit einen Podcast namens „America Dissected", einen Podcast über Gesundheit und Politik, der über 316 Episoden hinweg Werbung für mindestens 35 Sponsoren las. Im März 2022, wenige Monate nach seiner Philippika gegen Oz, wurde er in den sozialen Medien dabei ertappt, wie er Magic Spoon Cereal bewarb — eine Marke, die stark auf sozialen Medien und in Podcasts wirbt. El-Sayed reagierte in einem mittlerweile gelöschten Post auf X: Er lehne grundsätzlich Werbung für Produkte ab, die Gesundheitsversprechen machten. Magic Spoon sei „einfach ein proteinreiches, kohlenhydratarmes Müsli". Sie behaupteten nicht, seinen Schlaf zu verbessern oder Jahre ans Leben zu fügen, weshalb er die Werbung gelesen habe.
Die Logik, die hier zu Werke tritt, ist von bestechender Architektur. Man darf werben, solange man nicht zu viel verspricht. Die Grenze verläuft exakt dort, wo der moralische Zeigefinger noch erhoben werden kann, ohne sich selbst zu treffen. Es ist ein Mechanismus, den man aus Genf kennt. Man unterzeichnet Protokolle, deren Geist man einhält, solange der Buchstabe es zulässt. Und wer nach dem Buchstaben fragt, hat bereits verloren.
In mehreren Episoden warb El-Sayed zudem für den Lumen Metabolic Coach, ein Gerät in Atemtest-Form, das seinen Nutzern verraten soll, ob sie beim Sport Fette oder Kohlenhydrate verbrennen, um anschließend Ernährungsempfehlungen zu geben. Einige Gesundheitsexperten haben das Gerät als „Quintessenz von Marketing über Wissenschaft" bezeichnet. Es misst, so der Einwand, lediglich die Kohlendioxidausscheidung, während Respiratorische Austauschquotient-Lesegeräte andere Gase untersuchen. Nicholas Tiller vom Harbor-UCLA Medical Center brachte es auf die Formel: Wer mehr als drei Stunden nichts gegessen habe, verbrenne mehr Fett; wer kürzlich Kohlenhydrate zu sich genommen habe, weniger. Eine Erkenntnis, die, mit Verlaub, auch ohne Apparat erreichbar ist.
El-Sayed erklärte in einer Werbelesung 2024, er habe wissen wollen, „was sein Körper als Treibstoff nutzt", und deshalb zu Lumen gegriffen. Die Verbindung zur früheren Oz-Kritik ist nicht zwingend, aber doch naheliegend. Man darf den Stab über andere brechen, solange man ihn selbst über einen anderen Ast wirft. Das ist nicht Heuchelei im klassischen Sinne. Es ist Architektur.
Es ist, alles in allem, ein Rennen, in dem viel auf dem Spiel steht und wenig unverstellt bleibt. Eine Partei sucht ihre Haltung zu Israel, ihre Haltung zu ihren eigenen Standards, ihre Haltung zur Frage, ob sich moralische Autorität aus Überzeugung speist oder aus Apparaten. Michigan wird am 4. August eine vorläufige Antwort geben. Die endgültige steht noch aus.