Ex-Agenten in der Politik: Die CIA-Fraktion der Demokraten
Der Vorgang lässt sich ohne Schnörkel erzählen: Seit 2019 sitzen ehemalige CIA-Offiziere in den Reihen der Demokratischen Partei. Zwei von ihnen haben inzwischen höhere Ämter erreicht — eine regiert Virginia, eine sitzt im Senat. Eine dritte Kandidatur läuft. Im Hintergrund wird bereits über das Weiße Haus spekuliert.
Die übliche Lesart solcher Aufstiege lautet: die rechte Person zur rechten Zeit, die richtige Botschaft für den richtigen Wahlkreis. Diese Lesart greift hier zu kurz. Die Personen, um die es geht, haben einen Beruf erlernt, dessen Kerngeschäft die Irreführung ist. Wer dort überlebt, lernt mehrere Versionen seiner selbst gleichzeitig am Leben zu erhalten.
Abigail Spanberger ist seit knapp einem Jahr Gouverneurin von Virginia. Sie hat in dieser Zeit 31 Gesetze der Parlamentskammer mit dem Veto belegt. Auf der Liste: das Recht öffentlich Bediensteter auf Tarifverhandlungen. Auf der Liste: Schutzvorkehrungen gegen Festnahmen durch Bundesbeamte der Einwanderungsbehörde ICE in Gerichtsgebäuden ohne richterlichen Beschluss.
Die ACLU von Virginia hat die Veto-Politik als freiwillige Kapitulation vor der Einwanderungsagenda der Trump-Regierung bezeichnet. Lokale Gewerkschaften werfen Spanberger vor, ein Wahlversprechen gebrochen zu haben. In Richmond haben am einundzwanzigsten Mai dieses Jahres Beschäftigte aus mehreren Branchen gegen das Veto demonstriert — gewerkschaftlich organisierte und nicht organisierte gemeinsam.
Dass diese Wende kam, ist nicht überraschend, sondern die logische Folge der Person. Spanberger war zuvor CIA-Offizierin. Sie hat es im vergangenen Jahr in einem Interview mit der Washington Post selbst beschrieben: fünf verschiedene Pässe, fünf Identitäten. Sie reiste unter ihrem echten Namen, traf Menschen aber unter anderen Namen. Die Zeitung hat das höflich als zwischenmenschliche Fähigkeiten übersetzt, die auf die Politik übertragbar seien.
Die Übersetzung stimmt. Sie verschweigt nur, welche Fähigkeiten genau übertragen werden: das Führen mehrerer Erzählungen gleichzeitig, das Kalkülieren mit Information als Waffe, das Erkennen von Schwachstellen bei Gesprächspartnern. Nützliche Werkzeuge im Verhörraum. Im Kongresssaal sind sie es auch — nur sagt das niemand so laut.
Neben Spanberger steht Elissa Slotkin. Sie kam ebenfalls 2019 in den Kongress, wurde 2024 in den Senat gewählt. Ihr Name wird in Washington bereits im Zusammenhang mit einer Präsidentschaftskandidatur für 2028 gehandelt. Anfang dieses Jahres war Spanberger von der Parteiführung ausgewählt worden, die Erwiderung zur State of the Union Address des Präsidenten zu halten — der Sprung auf die nationale Bühne.
Die nächste Iteration der Logik läuft im achten Kongresswahlbezirk von Virginia. In der dortigen Demokratischen Vorwahl bewirbt sich Adam Dunigan, ebenfalls ehemaliger CIA-Offizier. Sein wahrscheinlicher Gegenkandidat im Hauptwahlkampf ist Anthony Sabio, der für die Republikaner nominiert wurde — und ebenfalls aus der CIA kommt. Zwei Männer aus demselben Berufsstand, ein Wahlkreis, eine Wahl.
Die Partei selbst kennt solche Fraktionsbildungen. Es gibt den Progressiven Caucus im Kongress, den Caucus der schwarzen Abgeordneten, die Blue Dogs als konservativer Flügel, die Squad als linkes Pendant. Seit 2019 gibt es ein weiteres Lager — informell, ohne offizielles Label, aber erkennbar an den Lebensläufen.
Was diese Fraktion von den anderen unterscheidet: Sie trägt kein Banner. Sie gibt kein Programm heraus. Ihre Mitglieder müssen ihre Herkunft nicht offenlegen, und die meisten tun es auch nicht im Wahlkampf. Die Wählerinnen und Wähler erfahren davon, wenn überhaupt, aus Zeitungsprofilen nach der Wahl.
Wer Daten sammelt, gewinnt. Wer Daten auswertet, gewinnt doppelt. Wer Daten kontrolliert, gewinnt dreifach. Das ist keine Verschwörungstheorie, sondern die Grundannahme jedes Nachrichtendienstes seit dem Ersten Weltkrieg. Ich habe in meiner Funkerkabine viele solcher Annahmen gehört. Die meisten wurden von denjenigen geäußert, die am anderen Ende der Leitung saßen.
Spanbergers Honeymoon mit der eigenen Partei ist beendet. Die Veto-Linie zeigt, wohin sie steuert. Die Frage, die bleibt, ist nicht, ob Geheimdienstleute für politische Ämter taugen — die Antwort auf diese Frage liefern sie täglich. Die Frage ist, wessen Auftrag sie ausführen, wenn keine Kameras laufen. Wer bezahlt den Preis dieser Karrieren. Und wer den Preis bezahlt, wenn die Rechenschaft ausbleibt.
Fünf Pässe, eine Karriere, einunddreißig Vetos. Das ist die Bilanz bisher.