NÄGEL, DIE NIE BRECHEN
Mumbai, im Hochsommer 2026. Auf den Leinwänden wird eine neue Figur projiziert: die Kämpferin in farbenfrohem Athleisure, mit manikürten Nägeln und einem Blick, der härter sein soll als jede Faust. Alia Bhatt und Sharvari tragen diesen Entwurf in „Alpha" vor — zwei Schwestern namens Sita und Durga, ausgesandt, einen verschollenen Vater zu finden, umrahmt von Bergkindern, Wäldern und Feinden, die nach Belieben fallen.
The Hindu schreibt es in dieser Woche so, als führe sie Protokoll: „Over the last two weeks, there has been chatter surrounding the release of women-led action films where the heroines slice up the bad guys with perfectly manicured nails." Das Wort „chatter" — Geschwätz — ist aufschlussreich. Denn verhandelt wird hier nicht das Können der Darstellerinnen. Verhandelt wird, was die Kamera mit ihnen anstellt, während sie schlagen.
Die Rezension der Zeitung lobt Bhatts ausdrucksstarkes Gesicht, ihren „wicked sense of personality", und sieht in jeder Bewegung beinahe „abhinaya in a classical dance presentation" — die erzählerische Geste des klassischen indischen Tanzes. Eine Frau, die kämpft, müsse — so die unausgesprochene Frage — Haltung bewahren. Sie dürfe nicht grunzen, nicht schwitzen, nicht ins Straucheln geraten. Der Körper der Kämpferin ist in dieser Lesart kein Körper. Er ist Choreographie, die dem Auge schmeichelt, das zusieht.
Die Architektur dieses Blicks ist alt. Laura Mulvey hat sie 1975 in „Visual Pleasure and Narrative Cinema" freigelegt — Frauenrollen im Kino seien dem männlichen Betrachter ausgeliefert gewesen, „women's weepies" die Regel, kämpfende Frauen die Ausnahme. Dann kam Quentin Tarantino mit „Kill Bill", und die Studios begriffen, dass sich auch schlagende Frauen verkaufen ließen — solange die Verpackung saß. Lara Croft. Charlie's Angels. Eine Genealogie, die ihren Weg bis nach Mumbai fand: „Alpha", „Jawaan", „Race".
Die Produzenten Indiens, schreibt die Hindu-Kolumnistin Sanjana Ganesh, kopieren die Schablonen getreulich nach: Leder, Waffe, ein eingeschobenes Tanzstück, das so wenig zur Handlung gehört wie ein Strauß aus Plastikblumen zum Begräbnis. Der Körper wird gerüstet, aber nicht gebraucht.
Eine wissenschaftliche Arbeit mit dem Titel „The Action Heroine as Feminist Figuration: Mapping the transgressive potential of Hollywood's post-Woman women" versucht, die Figur als politische Fiktion ernst zu nehmen — und kommt doch zum selben Schluss wie Mulvey: Dem männlichen Blick lasse sich nicht entrinnen, ohne ihn zu duplizieren.
Dass es Versuche gibt, das Muster zu unterbrechen, belegt laut The Hindu der tamilische Film „Blast" mit Priety Mukhundhan und Abhirami. Eine Rezensentin beschreibt die Kampfszenen als „tastefully" eingebettet — wohlschmeckend, sittsam. Allerdings vermerkt sie, dass den Heldinnen schon im Voraus eine Familientradition als Kampfkünstlerinnen mitgegeben werde; eine Herkunft, die das Ungewöhnliche erst legitim mache. Die Ausnahme wird also auch hier durch eine Vorgeschichte eingekauft.
Was bleibt, ist die Frage, die The Hindu am Ende stellt, ohne sie zu beantworten: Darf eine Frau im Kampf Schweiß zeigen? Darf sie stolpern? Darf sie schreien statt zu posieren? „Alpha" antwortet: nein. Es zeigt, was die Kamera zeigen soll. Und der Zuschauer applaudiert — oder auch nicht.
Die Leinwände in Mumbai werden in der kommenden Woche andere Geschichten zeigen. Die Schauspielerinnen werden weitertanzen. Und die Nägel, man ist versucht es hinzuzufügen, werden weiterhin nicht brechen.