Ein Premier spielt „Shag, Marry, Date' — und das Amt zahlt die Rechnung
Canberra hat in dieser Woche eine Lektion erteilt bekommen, die in keinem Lehrbuch steht und doch jede Generation neu lernen muss: Dass ein Mikrofon vor niemandem haltmacht, auch nicht vor dem Mann, der auf der roten Ledersitzbank im Parlament sitzt. Anthony Albanese, 63, seit Mai 2022 Premierminister der australischen Labor Party und seit sechs Monaten zum zweiten Mal verheiratet, hat sich in einem Podcast des Formats „Bush Deep" von der Komikerin Nikki Osborne in ein Spiel locken lassen, das an Schulhöfen gedeiht und in Amtsstuben nichts verloren hat: „Shag, Marry, Date". Die Auswahl, die ihm präsentiert wurde, waren drei australische Frauen von Format — Kylie Minogue, Nicole Kidman, Rhonda Burchmore — und Albanese antwortete ohne die schützende Geste des Staatsmannes: „Kylie, eindeutig." Auf die Rückfrage, ob er sie heiraten, mit ihr schlafen und sie daten wolle, gab er zur Antwort: „Alles davon."
Es gibt Sätze, die ein Politiker sagen kann, und Sätze, die er sagen sollte, und dazwischen liegt jener Abgrund, in den dieser Premierminister am Donnerstag blickte. Der Mann, der antritt, die australische Politik in die nächste Phase zu führen, sprach nicht nur über das Begehren nach einer Frau, die mit achtzig Millionen verkauften Tonträgern zu den meistverkauften australischen Künstlerinnen aller Zeiten gehört; er sprach auch — mit dem leichten Vibrato des Mannes unter Männern — über sein Intimleben mit seiner zweiten Ehefrau Jodie Haydon. Die South Sydney Rabbitohs, sein Rugby-League-Klub, brächten ihn „in Stimmung", witzelte er; das Paar „bonkt nach dem Fußball". Es ist diese Mischung aus Begehren und Beiläufigkeit, die jene Wunde schlägt, welche die politische Klasse Australiens in diesen Tagen nicht zur Ruhe kommen lässt.
Die Feministinnen, so meldet es die australische Presse in seltener Eintracht mit den politischen Kommentatoren, sprachen von „crass" — geschmacklos. Mark Riley, politischer Chefredakteur von 7NEWS, formulierte es so, wie es Männer formulieren, wenn sie einen der Ihren auf den Boden zurückholen wollen: „Es ist ziemlich einfach zu sagen: ‚Ich mag diese Frage nicht. Das ist nichts für mich.'" Und weiter, mit der Wucht des Vorgesetzten: „Politiker machen Podcasts, um wie die coolen Kids zu sein. Nun, Premierminister, Sie sind das nicht; Sie sind ein 63-jähriger nationaler Führer; benehmen Sie sich auch so." Dai Le, ebenfalls Abgeordnete und eine Frau, die in Canberra weiß, was Anstand heißt, sprach von einem Verhalten, das „sehr unpassend für einen Gentleman" sei, und fragte leise, an wen dieser Premier eigentlich zu appellieren gedenke.
Albanese hat sich entschuldigt. Das Wort, das er wählte, war „unmissverständlich", wie der Guardian in seiner Live-Berichterstattung vermerkte. Wer die Sprache der Politiker kennt, weiß, dass „unmissverständlich" jenes Adjektiv ist, das immer dann hervorgeholt wird, wenn das Missverständnis bereits angerichtet ist — wenn die Kratzer im Lack des Amtes so tief sind, dass nur noch das schwerste Vokabular sie zu übertünchen vermag. Es ist die Entschuldigung, die nicht mehr bittet, sondern befiehlt, dass man sie als Entschuldigung anzunehmen habe.
Was von dieser Affäre bleibt, ist ein Mechanismus, den jede Hauptstadt kennt: Der Politiker, der den Kameras nachjagt, wird von den Kameras eingeholt. Kylie Minogue selbst, 58, deren Mega-Hit „Can't Get You Out of My Head" seit zwei Jahrzehnten durch die Köpfe der Welt spukt, wurde nichts gefragt und trug dennoch die Last. Solche Spiele werden stets über Frauen verhandelt, nie mit ihnen. Canberra wird diese Wunde in einigen Wochen vergessen — Australien hat Kriege überstanden, Minen, Buschfeuer, eine Königin, die nicht mehr Königin war. Doch das Mikrofon, das jetzt ausgeschaltet ist, wird beim nächsten Podcast wieder eingeschaltet. Und der nächste Premier, der glaubt, er könne beides sein — der coole Kerl und der Mann im Amt —, wird denselben Fehler machen. Weil die Versuchung älter ist als die Demokratie und größer als die Vernunft.
Canberra, im Juli.