Die Grammatik der Lüge
Es gibt Sätze, die werden so oft wiederholt, bis sie ihre Bedeutung verlieren wie Münzen, die zu lange die Hand wechseln. „Frieden" ist solch ein Satz. „Sicherheit" ebenfalls. „Zusammenarbeit" hat in diesem Jahr seine letzte Patina verloren, und wer es noch ausspricht, meint bereits das Gegenteil.
Die Sitzungssäle sind noch immer dieselben wie zu Beginn des Jahrzehnts. Die Mahagonitische sind poliert, die Kristallüster werfen ihr geometrisches Licht auf Gesichter, die sich seit Jahren kennen und seit Jahren mißtrauen. Man erkennt sich am Gang, an der Art, wie der Füllfederhalter gehalten wird, an der kleinen Pause vor dem ersten Wort einer Antwort, die bereits in der Nacht zuvor formuliert wurde.
Es ist ein Spiel, das seine Regeln verloren hat, ohne dies zuzugeben. Man spielt weiter, weil das Aufhören teurer käme als das Weiterspielen. Die Delegationen kommen, sie legen Papiere auf den Tisch, sie sprechen von „Prinzipien" und „Verpflichtungen", und am Ende der Woche reisen sie ab mit dem Wissen, daß nichts von dem, was unterzeichnet wurde, Bestand haben wird. Man weiß es. Alle wissen es.
Dieses Wissen ist es, was die Luft in den Konferenzräumen so eigentümlich macht. Nicht Rauch — obwohl auch der nicht fehlt — sondern eine Art Einverständnis über das Ausmaß der Fiktion. Wenn ein Mann aufsteht und sagt, sein Land wünsche den Frieden, während seine Unterschrift unter einem Vertrag steht, der den Frieden unmöglich macht, so lächelt man. Man lächelt nicht, weil man ihm glaubt. Man lächelt, weil das Lächeln Teil des Verfahrens ist, wie das Lüften eines Hutes vor einer Dame, deren Handschuhe man soeben gestohlen hat. Es ist die Höflichkeit der Komplizenschaft, und sie ist älter als jede Konstitution.
Es gibt eine Grammatik der Lüge in diesen Räumen, und wer sie nicht beherrscht, hat bereits verloren, bevor er den Saal betreten hat. Die Höflichkeit ist der Schutzpanzer. Wer höflich bleibt, kann alles sagen, ohne daß es als Aussage gilt. Wer die Höflichkeit verletzt, macht seine Worte zu Beweisen.
Die Übersetzer sind die wahren Zeugen dieser Zeit. Sie stehen hinter ihren Pulten, sie übersetzen Wort für Wort, und sie hören, was kein Protokoll festhält: die kleinen Seufzer, das kurze Lachen, die halbe Silbe, die alles zurücknimmt. Sie wissen, daß die offiziellen Texte, die am Ende der Sitzung verteilt werden, nur die Skelette dessen enthalten, was wirklich gesprochen wurde. Sie wissen auch, daß die wahren Sätze in den Aschenbechern landen, in den Notizen, die am Abend verbrannt werden.
Die Verträge, die in diesen Wochen unterzeichnet werden, gleichen einander auf unheimliche Weise. Sie alle sprechen von „gegenseitiger Achtung", von „territorialer Unversehrtheit", von der „Achtung vor dem Völkerrecht". Sie alle werden mit Kanonen begrüßt, nicht mit Geigen. Es ist ein Ritual, das sich selbst genügt.
Manchmal, in den Pausen, wenn die Türen sich schließen und die Korridore sich leeren, sieht man die Gesichter ohne die Maske. Dann erkennt man die Erschöpfung, die Angst, die manchmal offene Verachtung. Dann sagt jemand einen Satz, der in keinem Protokoll stehen wird, und alle nicken.
Aber dann öffnen sich die Türen wieder, die Kameras flammen auf, und die Hände finden einander zum Händedruck. Die Handschuhe sitzen perfekt. Die Handschuhe sitzen immer perfekt.
Draußen, vor den Gebäuden, warten die Wagen und die Fahrer und die Männer mit den Aktentaschen. Sie warten, weil sie immer warten. Sie warten, weil ihre Auftraggeber noch einen letzten Empfang besuchen müssen, noch einen letzten Toast aussprechen müssen, noch einen letzten Händedruck verteilen müssen.
Dann fahren die Wagen davon, einer nach dem anderen, und die Stadt atmet auf, bis die nächsten Wagen kommen.
Das Spiel geht weiter. Es geht immer weiter. Die Regeln werden neu geschrieben, in Tinten, die noch nicht trocknen werden. Die Figuren werden bewegt, und wer nicht mitbewegt werden will, wird vom Brett geschoben.
Am Ende bleibt das Protokoll, abgeheftet in Archiven, die niemand mehr öffnet. Und die Handschuhe, die immer perfekt sitzen.