120 Verträge mit Neu-Delhi: Tokio schweigt zur autoritären Wende
Tokio/New Delhi — Die Drähte zwischen den Hauptstädten glühen. Am 2. Juli 2026 empfing Premierminister Narendra Modi seine japanische Amtskollegin Sanae Takaichi in New Delhi, zu deren erster Auslandsreise seit Amtsantritt. Heraus kamen rund 120 Wirtschaftsabkommen im Gesamtwert von zwei Billionen Yen, etwa zwölf Milliarden US-Dollar. Die Felder: Sicherheit, Energie, Investitionen. Alles unter dem Banner einer „Freien und Offenen Indo-Pazifik"-Vision, die sich gegen den Druck aus Peking richtet.
Was fehlt in den gemeinsamen Erklärungen, ist mindestens so aufschlussreich wie das, was drinsteht. Wie Human Rights Watch dokumentiert, gibt es keinen Hinweis, dass bei dem Delegationstreffen Menschenrechte oder Rechtsstaatlichkeit zur Sprache kamen. Dabei hatte Japan Indien seit Langem als Partner „universeller Werte" bezeichnet. Der frühere Premier Shinzo Abe hatte mit Modi die Beziehungen einst auf das Niveau einer „Sonderstrategischen und Globalen Partnerschaft" gehoben. Beide Seiten gelobten damals, „Demokratie, Menschenrechte und die Herrschaft des Rechts" zu wahren.
Das Versprechen hängt in der Luft, dünn wie ein loser Sentimentdraht. Unter der hindu-nationalistischen Regierung Modi hat sich die Lage in eine Richtung entwickelt, die kein aufmerksamer Beobachter ignorieren kann. Zivilgesellschaftliche Gruppen und Medien stehen unter Druck. Internetsperren gehören zum Repertoire der Behörden. Aktivisten, Journalisten und friedliche Demonstranten landen auf erfundenen Anklagen vor Gericht. Ausländische Finanzregulierungen strangulieren Menschenrechtsorganisationen. Diskriminierende Gesetze zielen gezielt auf religiöse Minderheiten, Muslime zuerst, aber auch Christen. Polizeiliche Komplizenschaft ermutigt hindu-nationalistische Schlägertrupps, Minderheiten mit Straffreiheit anzugreifen.
Tokio sollte diese Frequenz kennen. Es ist exakt derselbe Signaltyp, den Peking seit Jahrzehnten sendet. Nach dem Massaker auf dem Platz des Himmlischen Friedens 1989 führte Japan den Westen bei der Wiederannäherung an die damals geächtete chinesische Regierung an. Auch die übrige Welt wettete auf wirtschaftliche Öffnung ohne Menschenrechtsauflagen, in der Hoffnung, Wohlstand werde politische Liberalisierung und am Ende Respekt vor Menschenrechten erzwingen. Die Rechnung ging nicht auf. Unter Xi Jinping ist die chinesische Führung daheim wie auswärts nur repressiver geworden. Japan selbst stuft die militärischen und sonstigen Aktivitäten Chinas in seiner Nationalen Sicherheitsstrategie als „beispiellos" und „größte strategische Herausforderung" ein.
Peking weist Kritik an den eigenen Menschenrechtsverletzungen zurück, mobilisiert im Gegenzug Staaten bei den Vereinten Nationen zu seiner Verteidigung und verfolgt Kritiker bis nach Japan hinein. Indien beginnt nun, genau diese Taktik zu kopieren. Neu-Delhi schlägt internationaler Kritik mit dem Vorwurf der Heuchelei und doppelter Standards entgegen, statt Reformen in Angriff zu nehmen.
Es bleibt ein schmaler Silberdraht, an dem sich eine andere Geschichte aufhängen ließe. In Indien kämpfen viele Mutige weiter um demokratische Werte. Genau deshalb wäre jetzt der Moment, in dem Japan, gemeinsam mit Europa und gleichgesinnten Partnern, eine Beziehung aufbauen sollte, in der Freunde offen über Menschenrechte und Rechtsstaatlichkeit sprechen. Höhlt man diese Werte aus, verliert die Vision vom Freien und Offenen Indo-Pazifik ihre Stoßkraft gegen die autoritäre Konkurrenz — gegen jene Kraft, deren Eindämmung sie ja eigentlich dienen soll.
Wer kontrolliert die Drähte, wer profitiert, wer zahlt den Preis? Zwölf Milliarden Dollar fließen nach Indien. Die Verträge sind unterzeichnet, die Investoren reiben sich die Hände, die Börsen notieren den Besuch als Erfolg. Nur jene Frequenzen bleiben im Hintergrundrauschen des Staatsakts — die Frequenz der Inhaftierten ohne Prozess, der abgeschalteten Mobilfunknetze, der Journalisten in Untersuchungshaft. Tokio hat sie überhört.
Ada Voss horcht weiter.