26 Milliarden in sechs Monaten — Hongkong im Schatten von SpaceX
Hongkong, Anfang Juli 2026. Die Drähte zwischen Victoria Harbour und der Wall Street summen lauter als je zuvor. Wer wissen will, wohin das Geld fließt, muss zuhören. Was die Terminal Tribune auf den Frequenzen auffängt: Die Kronjuwelen der asiatischen Finanzwelt sind in Bewegung.
Chinas Festlandbörsen schicken ihre Hoffnungsträger nach Süden. Im ersten Halbjahr 2026 haben 83 Unternehmen an der Hauptbörse Hongkongs den Gang aufs Parkett gewagt — plus ein einziger Neuling auf dem GEM-Brett für kleinere Emittenten. Zusammen sammelten sie 26,42 Milliarden US-Dollar ein. Das sind 84,3 Prozent mehr als im gleichen Zeitraum des Vorjahres, wie LSEG Data & Analytics ausweist.
Der Treiber hat einen Namen: A-to-H. Chinesische Festlandunternehmen, die bereits an den A-Aktien-Börsen Shanghais oder Shenzhens notiert sind, legen zusätzliche Anteile in Hongkong auf. Jacky Leung, Chief Operating Officer des Technologie-, Medien- und Telekommunikationsbereichs Asien ex-Japan bei Goldman Sachs, bringt es auf den Punkt: „Der A-to-H-Trend ist ein mächtiger neuer Antrieb. Hongkong ist zur Fundraising-Adresse der Wahl für Chinas Technologieführer geworden."
Die Zahlen untermauern seine Worte. 98,5 Prozent der IPO-Erlöse stammen von chinesischen Emittenten. Die Technologiebranche führt das Feld an — 53,1 Prozent der Erlöse verteilen sich auf 31 Deals, ein Sprung von gerade einmal fünf Abschlüssen im Vorjahreszeitraum. Künstliche Intelligenz ist das Stichwort, das auf jeder Frequenz mitläuft.
Doch der Thron ist wacklig. Die Nasdaq hat Hongkong in der ersten Jahreshälfte 2026 die Krone der globalen IPO-Rangliste entrissen. 112,42 Milliarden US-Dollar sammelte die US-Technologiebörse ein — fast ausschließlich wegen eines einzigen Listings: SpaceX brachte im Juni 75 Milliarden Dollar an die Börse, der größte Börsengang in der Geschichte, angeführt von Elon Musk. Die New York Stock Exchange folgt mit 14,73 Milliarden auf Platz drei. Die USA und Hongkong, sagt Leung, bleiben die beiden aktivsten Kapitalmärkte des Jahres 2026, jeder bediene eine der beiden größten Volkswirtschaften der Welt, beide reiten auf der globalen KI-Welle.
Hongkong nimmt Rang zwei — und baut seine Stellung in der zweiten Reihe aus. Die Stadt setzt auf Volumen, auf den Zustrom chinesischer Tech-Unternehmen, auf eine Infrastruktur, die Kapital bindet. Und das Kapital bleibt. Die Securities and Futures Commission legt neue Zahlen vor, die diesen Aufstieg untermauern: Hongkongs Vermögensverwalter betreuen mittlerweile 42,2 Billionen Hongkong-Dollar — umgerechnet 5,38 Billionen US-Dollar. Ein Rekordwert, zwanzig Prozent über dem bisherigen Hoch von 35,5 Billionen aus dem Jahr 2024. Die Nettomittelzuflüsse kletterten um 193 Prozent auf über zwei Billionen Hongkong-Dollar, getragen von einer tech-getriebenen Aktienrally und einer dreißigprozentigen Steigerung der Kapitalallokation Richtung Festland-China.
Elisa Ng, Executive Director für Investmentprodukte bei der SFC, spricht von robustem Vertrauen der globalen Investoren, von Marktinnovation und einem Talentpool, der die Stadt widerstandsfähig mache gegen weltweite Gegenwinde. Die Aufsichtsbehörde kündigt weitere regulatorische Verbesserungen an, um Hongkongs Stellung als führendes Offshore-Renminbi-Zentrum zu festigen.
Das Einwanderungsregime spielt in diese Rechnung hinein. Die nationale Einwanderungsbehörde des Festlands hat ihre Kriterien für die Ansiedlung in Hongkong und Macau standardisiert. An die Stelle des bisherigen Punktesystems — das Alter, Trennungsdauer und andere Faktoren gewichtete — treten einheitliche Bedingungen, darunter die Wiedervereinigung von Ehepartnern, die seit mehr als drei Jahren getrennt leben. Die Schwellenwerte werden halbjährlich veröffentlicht, die genaue Berechnungsmethode bleibt unveröffentlicht. Bewilligte Antragsteller erhalten Einwegerlaubnisse für die gewählte Sonderverwaltungszone. Was transparenter wirkt, lässt Spielraum.
Im Mai 2026 hatte bereits die Boston Consulting Group festgestellt, dass Hongkong die Schweiz als grenzüberschreitenden Vermögensmittelpunkt der Welt überholt hat. Die Schweiz, einst Hort des diskreten Kapitals, ist auf den zweiten Platz gerutscht. Die Zutaten sind bekannt: ein Sonderverwaltungsstatus, der Kapitalverkehr erlaubt, den das Festland selbst nicht gewährt; ein Rechtssystem, das westlichen Investoren vertraut; eine Börseninfrastruktur, die in Renminbi ebenso abrechnet wie in Dollar; und ein Strom chinesischer Tech-Unternehmen, die Hongkong als zweites Standbein nutzen.
Fest steht: 26,42 Milliarden IPO-Volumen, 5,38 Billionen verwaltetes Vermögen, 193 Prozent mehr Nettomittelzuflüsse, ein neuer Platz zwei hinter dem SpaceX-Tsunami. Die Zahlen sprechen eine Sprache, die keine Übersetzung braucht. Hongkong ist nicht der größte Markt der Welt. Aber es ist der Ort, an dem China sein Geld arbeiten lässt.
— Ada Voss, Terminal Tribune